Wer steckt hinter RAZEM – Ein dritter Weg für Polen?

Von links nach rechts: Aleksandra Cacha, Julian Weber und Adrian Zandberg (Foto: Polen.pl)

Von links nach rechts: Aleksandra Cacha, Julian Weber und Adrian Zandberg. Foto: Polen.pl (FS)

(Berlin, FS) Es sind junge Leute aus der Berliner Polonia und ältere Anhänger linker Ideen, die sich am Montagabend, dem 8. Februar in Berlin im Café der tageszeitung in Berlin-Kreuzberg versammelt haben, um zu erfahren, was es auf sich hat mit dieser jungen, neuen Bewegung, die sich anschickt den frei gewordenen Platz im linken emanzipatorischen Spektrum der politischen Landschaft Polens einzunehmen.

Kaum jemand kannte den „Spitzenkandidaten“ der erst kürzlich gegründeten Partei Razem, Adrian Zandberg, bevor er im Oktober letzten Jahres an der Debatte vor den Parlamentswahlen teilnahm. Schon wurde er von manchen zum Politstar erklärt, weil er so gar nichts vom aalglatten Politikertypus zu haben schien, der unter den jungen Männern in der Politik dominiert. Und weil er unaufgeregt und undogmatisch (aus deutscher Sicht) sozialdemokratische Positionen bezog, hinter denen Überzeugung zu stecken schien und nicht der egoistische Wunsch nach einer Karriere.

Dieser Adrian Zandberg, und mit ihm Aleksandra Cacha, stehen dem taz-Redakteur Julian Weber im gut gefüllten taz-Café Rede und Antwort, was zunächst viele erwartbare Aussagen produziert, die man von einer Partei des linken Spektrums erwarten würde. Dass die guten Wirtschaftsdaten Polens auf Kosten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern erkauft wurden (was in Anbetracht des immer noch vergleichsweise niedrigen Lohn-Niveaus und der hohen Flexibilität sehr plausibel erscheint). Dass BIP-Wachstum beileibe nicht der beste Indikator für den Wohlstand einer Gesellschaft sei und Polen bei Fragen von Wohlstandsverteilung, sozialer Absicherung, Gesundheitsversorgung oder Ökologie nicht so gut dastehe.

Gespaltenes Verhältnis zur KOD-Bewegung

Zugegeben, kontroverse Meldungen sind auf einer Veranstaltung unter „Gleichgesinnten“ selten zu erwarten und abgesehen von einer Publikumsfrage, die Unverständnis darüber zum Ausdruck bringt, warum Aktive von Razem sich nicht deutlicher auf den KOD-Demonstrationen zeigen, bleibt es auch bei Zustimmung, ja geradezu Einmütigkeit an diesem Abend. In Anbetracht der sich derzeit in allen politischen Lagern ausprägenden Propeller-Mentalität allerdings, in welcher ein Luftstoß aus beliebiger Richtung genügt, um in die Luft zu gehen, fällt auf, wie sich die jungen Leute von den etablierten politischen Kräften abheben. Wann hat man zuletzt jemanden so entspannt über die Probleme der polnischen Wirtschaftspolitik reden hören?

Es fällt ebenfalls auf, dass Cacha und Zandberg nicht als PiS-Ankläger auftreten. Sie betrachten sich vielmehr als eine Grassroots-Bewegung, die in der Provinz ansetzt, um durch privates Engagement nachhaltig Mitstreiter auf lokaler Ebene zu gewinnen. Man könnte das auch Basisarbeit nennen, anstatt sich unter die medienträchtigen Großdemonstrationen in Warschau und allen anderen Großstädten zu mischen. Sie wirken KOD gegenüber geradezu skeptisch, wenn sie berichten, wie schwer es vielen mit PiS unzufriedenen Menschen fällt, unter einem Banner mit dem sich zum Oppositionsführer mausernden Ryszard Petru zu demonstieren, der genauso wenig von sozialer Absicherung hält wie vormals die Platforma Obywatelska, wenn nicht gerade Wahlkampf herrschte.„Die Verfassung funktionierte für viele ohne vernünftigen Zugang zum Gesundheitssystem und ohne Vereinigungsfreiheit jahrelang nicht. Warum sollten diese Menschen jetzt für ihre Verteidigung auf die Straße gehen?“ fragt Aleksandra Cacha.

Letztlich teilen die beiden Razem-Vertreter einen guten Teil ihrer sozio-ökonomischen Fehler-Analysen mit der PiS. Auswege, etwa aus dem hyperflexiblen Arbeitsmarktgesetzen, suchen Cacha und Zandberg erwartungsgemäß in der Stärkung der Gewerkschaften, während PiS am liebsten mehr Gewinnschöpfung in polnischen Händen sehen würde und damit einen eher nationalistischen Tonfall anschlägt.

Polen als ganz normales europäisches Land

Es ist schlichtweg angenehm, einmal politische Kräfte zu hören, die nicht an jeder Stelle den polnischen Exzeptionalismus betonen, sondern Polen als ganz normales europäisches Land darstellen. So gebe es auch in anderen EU-Mitgliedsstaaten tiefe Gräben in den Gesellschaften, man schaue sich nur den Brexit oder die deutschen Haltungen zur Flüchtlingspolitik an. Und es sei auch keinesfalls so, dass Polen „von Hause aus ein konservatives Land“ sei, erklärt Zandberg, vielmehr gebe es in den gesellschaftlichen Umfragen immer auch große Gruppen, die sich konservativen Haltungen widersetzten, etwa in Fragen zu Abtreibung, zur Rolle der Religion oder gleiche Rechte für LGBT sowie zur Aufnahme von Flüchtlingen.

Tags darauf ein ähnliches Bild im Club der Polnischen Versager in Berlin

Dabei scheinen Cacha und Zandberg nicht so verblendet, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ihre sozialpolitischen Ansichten bedeuteten etwa auch, dass man sich  der Austerität in der EU und damit den europapolitischen Vorstellungen der deutschen Kanzlerin widersetzen müsse. Bei allem Bedarf, den sie für ihren „dritten Weg“ zwischen dem wirtschaftsliberalen Turbokapitalismus und dem sozialen, gleichsam national-katholischen Konservatismus anmelden, verkennen sie nicht, dass der Begriff des „Politischen“ bei den sozial Abgehängten, ihrem natürlichen Elektorat, extrem gelitten hat. Nicht nur die Entbehrungen und Enttäuschungen der Dritten Republik (man könnte auch sagen, der Transformation) wiegen schwer, sondern vor allem die Erinnerung an den lange regierenden SLD (Bündnis der Demokratischen Linken), der sich sozialdemokratisch nannte, als post-kommunistisch erachtet wurde und letztlich neoliberale Politik federführend durchsetzte. Deswegen werde auch „die Linke“ als Teil des Establishments betrachtet. So dürfte es schwer werden, überhaupt jemanden außerhalb der ohnehin schon politisierten, auf emanzipatorischen Säkularismus zielenden Wählerschaft zu erreichen.

Linke Bewegung ohne Kampfbegriffe?

Dritter Weg, Basisarbeit, Solidarität durch Gewerkschaften – es dürfte auch nicht einfach werden, mit diesem Vokabular und diesen Themen ideologische Grabenkämpfe mit dem politischen Establishment zu vermeiden. Cacha: „Dabei werden viele Aspekte des alltäglichen Lebens als ideologisch erachtet oder erfolgreich diffamiert, obwohl es im Kern um ökonomische Fragen geht. Zum Beispiel, wann junge Menschen eine Familie gründen.“ Sie ist sich durchaus bewusst, dass diese Begriffe in Deutschland angestaubt klingen mögen. „Unser Ansatz mag etwas antiquiert wirken, aber in Polen haben wir sowas noch nie ausprobiert.“

Weiterlesen:

  • Adam Traczyk: „Polens Podemos. Die neue linke Partei Razem will anders sein.“ IPG-Journal, 15.02.16
  • Claudia van Laak: „Berliner Kreis der Razem-Partei: Sorge um Polens Demokratie“, Deutschlandfunk, 21.01.16

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

  • ...leider gibt es hierzu keine verwandten Themen.
Comments
  1. Anton Padua
    • Frank Segert
  2. Jan
    • Frank Segert

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*