West-Ost-Thriller ohne Atempause. Gelesen: Amerikanskij Wolp

Cover des Buchs 'Amerikanskij Wolp'. Foto: Polen.pl (JW)

Amerikanskij Wolp: Langwierige West-Ost-Krimilektüre

(Berlin, JW) Nur einer von Ihnen kann lebend sein Ziel erreichen: Entweder der sympathisch-heruntergekommene kriegsbelastete Deutsche Michael Gernow oder sein Doppelgänger, der abgezockte amerikanische Investment-Tycoon Stanley Tomski. So behauptet es der Klappentext von ‚Amerikanskij Wolp‘, und es wäre ja auch verwunderlich, wenn das nicht stimmen würde. Aber diese Formulierung versteckt in fast unverzeihlicher Weise, was für einen Typus von Buch man vor sich hat: Ein Roman, der sich zwischen einer ungewohnten Ost-Orientierung, Trash-Action wie in Filmen à la ‚Transporter‚, geradezu poetischen Landschaftsbeschreibungen der sibirischen Kolyma und langen erotischen Passagen bewegt. Eine zentrale Rolle dabei spielen die elterliche und regionale Herkunft und die Schuld: So steht Tomskis Vater, ein gewiefter Bankier mit polnischen Wurzeln, vielfach hinter den Gedanken und Handlungen der beiden Hauptakteure. Ich habe das Buch, das schon 2009 erschien, gelesen. Und stelle es heute vor.

Fast 1.000 Seiten in knallgelb

Ein Warnschild muss ich gleich zu Beginn ins Blickfeld rücken: Auf über 990 Seiten wird die lange und wechselhafte Geschichte, die drei Teile hat, vom Verfasser Manfred Iwan Grunert ausgebreitet. Das ist selbst für Vielleser ein ordentliches Pensum. Und nicht immer – oft aber doch – erreicht man einen Lesefluss wie etwa bei den perfekt konstruierten Romanen eines Stieg Larssons (zum Beispiel ‚Verblendung‘). Dafür erhält man für den Preis von 29,90 Euro auch ordentlich Lesestoff. Das Cover in knallgelb mit allerlei mythischen Symbolen deutet auf einen reißerischen Thriller hin. Das ist auch nicht ganz falsch: Große Teile des Buches stellen eine atemlose Jagd zwischen den Doppelgängern Gernow und Tomski dar, doch das ist nicht alles. Außerdem warten detaillierte Landschaftsbeschreibungen, Selbsterkenntnis-Passagen und nicht zuletzt Analysen von Finanz- und Goldmärkten auf den Leser. Alles gewürzt mit einem Haufen Verschwörungstheorien, der Skizze einer allmächtigen Parallelpolitik in der Unterwelt und ausgiebigen Beschreibungen sexueller Erlebnisse und Phantasien.

Verschwörungen, Prognosen, zwei Männer und viele Frauen

Was sich erst einmal wie ein ‚James Bond‘ in Buchform und in extralanger Ausgabe anhört, ist der Versuch, anhand einer ziemlich komplizierten und etwas surrealen Doppelgänger-Story die wirklichen Werte und Sinnhaftigkeiten des Lebens herauszuarbeiten. Dazu werden zusammenbruchsorientierte Prognosen über die Finanzmärkte seit Bretton Woods, allerlei schamanenhafte und esoterische Elemente, Aufarbeitungen von Mutter-Kind-, Vater-Kind- und West-Ost-Beziehungen sowie Schuld/Verbrechen und Sühne/Strafe herangezogen. Die sibirische Gegend rund um den Fluss Kolyma taugt dabei als Brennglas und gleichzeitig finale Destination, in der Erprobung, Geschichte und das finale Glück zu finden sein könnten.

Biographien mit östlichem Fokus

Die Geschichte beginnt in Berlin, wo der psychisch belastete und dem Alkohol nicht abgeneigte Kriegsreporter Gernow lebt. Sukzessive wird er in eigenartige Treffen verstrickt, als die ersten Morde geschehen, wird ihm seine gefährliche Lage bewusst. Allerdings: Ohne, dass er weiß, warum. Zunehmend kristallisiert sich seine vorherige Reise in die sibirische Kolyma als Ursache der neuen Wendungen in seinem nicht gerade luxuriösen Leben heraus; vor allem seine Bekanntschaft und Liebe zu einer dort angetroffenen Frau. Kurz danach beginnt eine schnelle und zwischen Perspektiven wechselnde Reise über London und Tokio bis in die sibirische Hafenstadt Magadan. In London und an einem weiteren Ort in England, in Plymouth, geschehen weitere Morde und Anschläge, die Gernow erlebt und überlebt. Zunehmend verschwimmen die Unterschiede zwischen dem Gejagten Gernow und seinem Verfolger Tomski. Immer mehr nähern sich die beiden Rollen des eiskalten Finanzjongleurs mit offenbar perversen sexuellen Interessen und dem in mehreren persönlichen Krisen befindlichen Gernow an. Zum Showdown – natürlich unter Beteiligung mehrerer Frauen – kommt es dann in Tokio. Der dritte Teil, bei dem aus den Gernows und Tomskis von vorher eine weitere Geschichte entsteht, spielt dann in Sibirien. Übernatürliche Erfahrungen aber auch materielles ‚Downshifting‘ prägen den weiteren Weg des Hauptakteurs hin zum großen Finale.

Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow. Foto: Polen.pl (JW)

Sowjetisches Ehrenmal in Berlin-Treptow

Polen tritt als Handlungsort nicht auf, allerdings wird beim Rückgriff auf historische Aspekte und die Vergangenheit Tomskis Vater immer wieder auf Orte in Polen referenziert. Unter anderem wird die Relevanz des Ostens für Deutschland im Vergleich zum Westen vielfach angesprochen: „(…) Sein Großvater und auch der meinige verloren ihr Leben im Krieg gegen Hitler, unser Land brachte die größten Opfer, um die Welt vom Faschismus zu befreien, aber vor die Wahl gestellt, wen die Deutschen zu ihrem Freund nehmen, einen Amerikaner oder einen Russen, werden sie sich auf die Seite des Amerikaners schlagen, auch wenn sie wissen, dass er stets nur seinen eigenen Vorteil im Auge hat.“ sagt eine Ärztin mit russischer Herkunft, die längere Zeit in Deutschland lebte (siehe Seite 957). Damit spielt der Autor Grunert, 1934 in Thüringen geboren und 1955 aus der DDR geflohen und anschließend unter anderem als Fachredakteur für Slawische Literaturen, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Drehbuchautor tätig (verstorben 2011), auch an das nach wie vor schwierige deutsche Verhältnis zu den Staaten im Osten an. Dieses spiegelt sich auch – zum Beispiel – im unbeholfen wirkenden Umgang Deutschlands mit dem riesigen sowjetischen Ehrenmal in Berlin-Treptow wider, bei dem sich trotz Vereinbarungen aus den Zwei-plus-Vier-Verträgen (Unterzeichung 1990) ein normalisierter Umgang noch nicht eingestellt hat.

Zwischen Unverständnis und Begeisterung

Mir ging es beim Lesen des Buchs wie vielen anderen Lesern, was ich nach der Lektüre beim Betrachten der Online-Rezensionen überprüfen konnte: Die Beschreibungen der Schauplätze, die Umkehrung der tradierten West-Ost-Verhältnisse und die Ungewissheit beim Lesen machten Lust auf mehr. Und sie machten Spaß beim Lesen. Holpriger dagegen: Die Ereignisse sind zuweilen etwas zu abgefahren, die Worte etwas zu pathetisch und pastoral – und der erhobene Zeigefinger gegenüber Ehrgeiz, Gier und Finanzwesen ist manchmal ein bisschen zu gut sichtbar. Eine literaturwissenschaftliche – aus meiner Sicht treffende – Kritik ist zum Beispiel auf glanzundelend.de zu lesen. Weitere Bewertungen etwa auf den Rezensionsseiten von Online-Buchhändlern bezeugen ebenfalls, dass der Roman kontrovers aufgenommen wird. In einem Punkt übrigens hat der Autor auf jeden Fall Recht behalten, wenn man sich die Wirtschaftsmagazin-Themen dieser Wochen ansieht: Die Rolle des Goldes im internationalen Finanzmarkt wurde in den vergangenen Jahren unterschätzt.

Weitere Informationen: Amerikanskij Wolp bei Amazon (zurzeit auch Ausgaben schon ab 18 Euro)

 

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