Wieder zurück: Zeitfahrkarten Berlin-Szczecin (Stettin)

Stettiner Hafen. Foto: Polen.pl (JH)

Bahnfahrten nach Szczecin (Stettin) sind für Pendler wieder attraktiver.

(Berlin, JW) Um Weihnachten herum regte sich in einer kleinen Gemeinde nahe der polnischen Grenze im hohen Norden Deutschlands Unmut: Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hatte klammheimlich und ohne Ankündigung den Verkauf von Zeitfahrkarten von Berlin nach Szczecin (Stettin) eingestellt. Besonders die oft pendelnden Einwohner der Orte zwischen diesen beiden Städten waren aufgebracht: Für sie ergaben sich höhere monatliche Kosten, wenn sie die Bahn benutzen wollten. Wir berichteten über den Sachverhalt. Nun wird es die Zeitfahrkarten wieder geben: Ab dem 12. Juni 2011 sind solche Karten wieder gültig. Darüber informierte der VBB in einer Pressemitteilung.

Erfolgreiches ‚Wutbürgertum‘?

Der nicht unumstrittene Ausspruch vom ’neuen deutschen Wutbürgertum‘ könnte hier durchaus wieder frische Nahrung finden: Insbesondere einige Protagonisten aus der Gemeinde Tantow haben sehr aktiv gegen die Abschaffung dieser Zeittickets protestiert. Im Internet finden sich zahlreiche Spuren des Protests, aber auch der formale Weg wurde beschritten: Die Bundestagsabgeordnete Sabine Stüber (Die Linke) erbat in der Fragestunde des Deutschen Bundestags Informationen zur Thematik der Verteuerung des grenzüberschreitenden Bahnverkehrs. Frau Stüber, die damit in ihrem Wahlkreis Uckermark-Barnim I sicher die Stimmung vieler Einwohner traf, erhielt auch eine Antwort: Die Einstellung des Zeitfahrkarten-Angebots der beteiligten Bahnen sei keine politische, sondern eine unternehmenspolitische Fragestellung der involvierten drei Bahngesellschaften (mehr dazu in unserem Dezember-Artikel zu diesem Thema).

Politik oder Kommerz als Hintergrund

Nun waren die Proteste und Nachfragen erfolgreich. Wie die Presseabteilung der koordinierenden Gesellschaft VBB mitteilt, werden

‚mit Wirkung zum 12. Juni 2011 (…) für die Verbindung von Potsdam, Berlin und vom Flughafen Schönefeld wieder 7-Tage-Karten und Monatskarten nach Stettin verkauft. Die Monatskarte wird 160,90 Euro und die 7-Tage-Karte 53,10 Euro kosten. Beide Zeitkarten gelten im Tarifbereich Berlin ABC, in den Landkreisen Barnim und Uckermark, sowie auf der Strecke von Tantow nach Stettin. Bereits ab neun Hin- und Rückfahrten lohnt sich die Monatskarte gegenüber dem Erwerb von Einzelfahrausweisen. Die Monatskarten werden natürlich auch für den Geltungsbereich Landkreis Barnim, Landkreis Uckermark und Stettin sowie für den Landkreis Uckermark und Stettin ausgegeben. Auch Auszubildende und Schüler werden von der Wiedereinführung der Zeitkarten profitieren – die Monatskarte Azubi/Schüler für die stark nachgefragte Verbindung Tantow-Stettin wird zukünftig 56,70 Euro kosten. Diese Zeitkarten sind an allen Fahrausweisautomaten der DB Regio AG und der S-Bahn Berlin GmbH sowie an den personalbedienten Vorverkaufsstellen der Deutschen Bahn AG und der S-Bahn Berlin GmbH erhältlich. Ferner sind die Zeitkarten auch bei der Polnischen Bahn Przewozy Regionalne (PR) am Stettiner Hauptbahnhof zu erwerben.‘

Also: Fast alle Forderungen sind erfüllt. Lediglich der Ausbau der maroden Strecke zwischen Berlin und Szczecin steht noch nicht auf der Agenda der Bahnbetreiber. Die Frage nach dem ‚Warum‘ ist für die Betroffenen vielleicht nachrangig, grundsätzlich aber spannend: Gerüchte sprechen davon, dass insbesondere die Drohung auf politischer Ebene, die Einstellung der preiswerten Polen-Berlin-Bahnverbindung in den Kontext der zum 1. Mai 2011 startenden Freizügigkeit für Arbeitnehmer zu stellen, der eigentliche Auslöser der Wiedereinführung der Tickets sei. Offiziell wird das natürlich nicht bestätigt. Wahrscheinlich ist auch, dass tatsächlich kein Zusammenhang zwischen diesen beiden Maßnahmen besteht, aber allein der Anschein der Möglichkeit dieses Zusammenhanges ist politisch brisant. Denn es ist eine erklärte Maxime der Bundespolitik, gerade im grenznahen Raum die Freizügigkeit nicht durch künstliche Schranken zu begrenzen. Würde nun ruchbar, dass unter Umständen auch Motive des Arbeitsmarktschutzes die Preisgestaltung der Bahn beeinflussen, wäre Gegenwind der Opposition absehbar. Konkret: Würde der Eindruck entstehen, es wäre im Interesse der Politik, die Bahnanbindung für polnische Arbeitnehmer zu erschweren, wäre dies ein Rückschlag für die deutsch-polnische Zusammenarbeit.

Die offizielle Begründung liest sich denn auch plausibel, wenn auch Unverständnis über das Verhalten der polnischen Bahn entstehen dürfte: Demnach war der Auslöser ein Streit um die Verteilung der Einnahmen aus dieser Bahnverbindung. Die polnische Seite, die nur einen kleinen Teil der gesamten Verbindung zwischen der polnischen Hafenstadt und der deutschen Hauptstadt betreibt, forderte einen größeren Anteil aus den Einnahmen ein. Dazu hat möglicherweise auch eine Pressemeldung der VBB geführt, der sich stolz rühmte, eine Ticketverkaufssteigerung von über 400 Prozent nach einer Preissenkung Mitte 2010 erreicht zu haben. Das habe, so erkennt man zwischen den Zeilen der Begründung, zu höheren Erlösforderungen der beteiligten polnischen Bahngesellschaft PR (Regionalgesellschaft der polnischen Bahn: PKP Przewozy Regionalne) geführt, zu denen die deutsche Seite nicht bereit war. Denn dort berief man sich wiederum darauf, dass man zwar erhebliche Steigerungen im Verkauf der neuen preiswerteren Tickets erreicht habe, das dafür aber die stattdessen zuvor angebotenen Tickets für kürzere Strecken proportional weniger oft verkauft wurden.

Ein Schritt nach vorn

Sicher, die Zielgruppe der Zeitticketkunden ist nicht riesig: Aber allein die Tatsache, dass der grenzüberschreitende Bahnverkehr nicht unattraktiver wird, ist ein Erfolg. Pendler haben es nun leichter, für Freizeit- und Berufsfahrten die Bahn zu nutzen. Die Kosten für das Zugfahren liegen nun wieder näher an denen, die die Minibus-Unternehmen auf der Strecke berechnen. Wenn diese Diskussion dazu führt, dass die Verbindung auch zukünftig nicht allzu stiefmütterlich behandelt wird, ist die grenzübergreifende Zusammenarbeit bei der Bahn einen Schritt weiter. Das Potenzial dieser Strecke auch im Hinblick auf Ostsee-Urlaubsfahrten von Berlinern und Brandenburgern ist nach wie vor riesig: Zurzeit benötigen Urlauber noch mindestens fünf Stunden beispielsweise für die Bahnfahrt nach Kolobrzeg (Kolberg), was die Reise mit dem Auto als sehr viel attraktiver erscheinen lässt (Beispiel im Kolberg-Forum). Würden hier auf polnischer und deutscher Seite die Strecken verbessert, wäre von weiterer Nachfrage auszugehen.

 

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Comments
  1. skandaloes

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