WrocLove. Europäische Kulturhauptstadt 2016

Jahrhunderthalle/ Hala Stulecia in Breslau/Wroclaw, Foto: Polen.pl (AF)

Jahrhunderthalle/ Hala Stulecia in Breslau/Wroclaw, Foto: Polen.pl (AF)

(Dülmen, AF) Leider ist WrocLove nicht meine eigene Wortschöpfung. Laut der Touristik-Website www.wroclaw.pl gibt es seit über sieben Jahren eine Facebook-Fanpage Wroclaw [Wroclove]. Außerdem, und so bin ich überhaupt erst darauf aufmerksam geworden, handelt es sich dabei um das meiner Meinung nach ausgeprochen clevere Motto des Europäischen Kulturhauptstadtjahres 2016.

Europäische Kulturhauptstadt (ESK 2016)

In diesem Jahr ist Breslau (Wrocław) Europäische Kulturhauptstadt (Europejska Stolica Kultury, kurz ESK). Daher gibt es neben den ständigen Attraktionen eine Vielzahl interessanter Veranstaltungen in den Bereichen „Literatur, Theater, visuelle Künste, Architektur, Film, Musik, Niederschlesien und spezielle Projekte“. Mancher Eintritt ist gratis. Für Kinder ist ebenfalls immer wieder etwas dabei. Wir konnten nicht einmal annähernd das gesamte Angebot überblicken, geschweige denn wahrnehmen.

Nationales Forum für Musik

Im Nationalen Forum für Musik (Narodowe Forum Muzyki), welches sich seit 2014 imposant hinter dem Köngisschloss erstreckt und durch seine architektonische schlichte Eleganz besticht, werden noch bis zum 11. September unter dem Titel „Kunst sucht IQ“ (Sztuka szuka IQ) Werke von Breslauer Künstlern ausgestellt (Eintritt frei). Jedes Gemälde oder Objekt ist mal auf offensichtliche, mal latente Weise mit dem Thema Intelligenz verknüpft. Auf den vier Etagen muss man seine eigenen grauen Zellen bemühen, um die Absichten der Künstlerinnen und Künstler zu entschlüsseln oder zu interpretieren. Darüber hinaus ist das Musikforum zwischen dem 3. bis 18. September Schauplatz von „Wratislavia Cantans“, einem jährlich wiederkehrenden Musikfestival. 2016 steht es passenderweise unter dem Motto „Europa Cantans“.

Nationales Forum für Musik, Foto: Polen.pl (AF)

Nationales Forum für Musik, Foto: Polen.pl (AF)

Filmfestival T-Mobile Nowe Horyzonty

Open Air-Kino Neue Horizonte, Foto: Polen.pl (AF)

Open Air-Kino Neue Horizonte, Foto: Polen.pl (AF)

Vom 21. bis 31. Juli fand das 16. internationale Filmfestival T-Mobile Nowe horyzonty (Neue Horizonte) statt. Dabei werden sowohl in den städtischen Kinos als auch auf dem Rynek (Marktplatz) europäische Filme gezeigt. Die Filmvorführungen auf dem Marktplatz waren kostenlos und wurden sehr gut von Touristen und Einheimischen angenommen. Wir sahen uns den italienischen Film „Mia madre“ (2015) von Nanni Moretti sowie „Ich seh, ich seh“ (2014) von Severin Fiala und Veronika Franz an. Insbesondere Letzterer ging uns unter die Haut und ich weiß bis heute nicht, wie ich den Film beschreiben soll, ohne dabei die Pointe vorwegzunehmen. Ein ausgezeichneter Film, der einen noch lange danach beschäftigt – und nichts für schwache Nerven ist.

Marc Chagall und Künstler der europäischen Avantgarde

Ausstellung Marc Chagall, Foto: Polen.pl (AF)

Ausstellung Marc Chagall, Foto: Polen.pl (AF)

Noch bis Ende August werden im Königsschloss (Zamek Królewski) an der Kreuzung ul. Kazimierza Wielkiego/ ul. Zamkowa in einer Sonderausstellung Werke von Marc Chagall und anderen Malern der europäischen Avantgarde ausgestellt (Eintritt 15 PLN, ca. 4 Euro). Die Gemälde sind eine Leihgabe aus Witebsk (Belarus). Chagall wurde nämlich als Moische Segal in der Nähe von Witebsk geboren, bevor er seinen Namen während seines Schaffens in Paris französierte. Die Ausstellung ist sehenswert, aber leider relativ klein. Spannend zu beobachten war am Rande, wie eine Kunstpädagogin versuchte, einer Gruppe Kinder avantgardistische Kunst zu erklären. Überhaupt empfehle ich jeder und jedem (egal ob mit oder ohne Polnischkenntnisse) in Polen bei Museumsbesuchen auf die geschaffene Atmosphäre und auf polnische Besucher zu achten. Dabei kann man einiges über polnisches Geschichtsbewusstsein lernen.

Breslauer Königsschloss und Stadtmuseum, Foto: Polen.pl (AF)

Breslauer Königsschloss und Stadtmuseum, Foto: Polen.pl (AF)

Capital of Rock – Rammstein, Limp Bizkit und Co.

Strandbar am Oder-Ufer, Foto: Polen.pl (AF)

Strandbar am Oder-Ufer, Foto: Polen.pl (AF)

Ein besonderes Highlight bildet am 27. August die erste Edition des Festivals Capital of Rock. Dann kann man im Breslauer Stadion mit weltbekannten Bands wie Rammstein, Limp Bizkit, Bullet for my Valentine, RED und OCN abrocken. Was in den nächsten Monaten sonst noch auf dem Programm steht, erfährt man entweder online oder aber man begibt sich vor Ort in das Informationszentrum von ESK 2016. Es befindet sich auf der ul. Kazimierza Wielkiego, unweit des Marktplatzes. Aktuelle Infos zu den Veranstaltungen gibt es zumindest auf Polnisch, Englisch und Deutsch.

Oder-Schifffahrt

Gutes Sommerwetter und die Tatsache, dass durch Breslau die Oder fließt, begünstigen eine Schifffahrt. Besonders attraktiv erschien uns die Möglichkeit, mit diesem Verkehrsmittel die Jahrhunderthalle (Hala Stulecia) und den Zoo zu besichtigen. Mit einem Tagesticket für 25 PLN (ca. 6 Euro) ist man zeitlich flexibel und kann auch mehrmals an einem Tag mit dem Schiff dieselbe Route fahren. Auf diese Weise entdeckten wir zwei Strandbars an der Oder, direkt an der Endhaltestellte Zoo. Außerdem befindet sich vor der Technischen Universität Breslau (Politechnika Wrocławska) eine Grünfläche mit Beachvolleyballplatz.

 

Die Jahrhunderthalle

Jahrhunderthalle von innen, Foto: Polen.pl (AF)

Jahrhunderthalle von innen, Foto: Polen.pl (AF)

Die Jahrhunderthalle (Hala Stulecia), ein auf den ersten Blick möglicherweise nicht sehr ansprechender Stahlbetonbau, ist ein architektonisches Wunderwerk seiner Zeit. Das Breslauer Wahrzeichen wurde 1911 bis 1913 nach den Entwürfen des Architekten und Stadtbaurats Max Berg errichtet. Als Vorbild diente das Pantheon in Rom. In der multimedialen Ausstellung über die Entstehung der Jahrhunderthalle wird die Kuppel auch mit anderen Kuppelbauten weltweit verglichen. Auch die noch heute existierende Breslauer Markthalle (Hala Targowa) an der ul. Piaskowa wurde in dieser Bauweise errichtet. Beeindruckend empfand ich – vor dem Hintergrund von Elbphilharmonie und dem Flughafen BER – die Tatsache, dass die Baufirma Dyckerhoff und Widmann den Kuppelbau Wochen vor dem geplanten Termin vollendete und daher eine Prämie für die vorzeitige Fertigstellung erhielt.

Blick auf den Vier-Kuppel-Pavillon neben der Jahrhunderthalle, Foto: Polen.pl (AF)

Blick auf den Vier-Kuppel-Pavillon neben der Jahrhunderthalle, Foto: Polen.pl (AF)

Seit 2006 gehört die Jahrhunderthalle zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch der Vier-Kuppel-Pavillon, die Iglica (eine ca. 100m hohe Nadel) sowie der Japanische Garten bestehen fort bzw. wurden wieder instand gesetzt. Wer keine Lust hat, die Gebäude oder die darin befindlichen Ausstellungen zu besichtigen, kann auch einfach mit den Füßen im Wasser die Sonne genießen. Hinter der Jahrhunderthallte befindet sich nämlich eine riesige Fontänenanlage mit allabendlicher Lichtershow.

Der Breslauer Zoo

Japanischer Garten in Breslau, Foto: Polen.pl (AF)

Japanischer Garten in Breslau, Foto: Polen.pl (AF)

Der Breslauer Zoo ist sehr groß, weswegen wir es noch gerade so vor der Schließung um 18 Uhr schafften, an einem Tag das gesamte Gelände abzulaufen. Der Zoo besitzt drei Eingänge: einen Haupteingang mit mehreren Kassen, einen Seiteneingang mit Ticketautomaten, an denen nicht bar bezahlt werden kann, sowie einen „Hintereingang“ an der Oderseite, welchen ein japanisches Tor ziert. Hier halten auch die Ausflugsschiffe. Für 40 PLN Eintrittspreis (ca. 10 Euro) bekommt man unglaublich viel zu sehen. Es gibt ein Vogelhaus (welches momentan renoviert wird und daher geschlossen ist), ein „Terrarium“ mit Reptilien und Schmetterlingen, verschiedene Bären, einen Tiger, Lemuren und vieles mehr. Das „Afrykarium“ ist eine besondere Attraktion; architektonisch wie ein Schiff anmutend, wurde hier der kongolesische Regenwald nachempfunden. Außerdem gibt es darin Pinguine, Seehunde, unzählige Becken mit diversen Fischarten sowie ein Nilpferd und ein Baby-Hippo. Was ich in einem Zoo bisher noch nie gesehen habe, sind Tunnel bzw. Drahtröhren, die z.B. Affen ermöglichen, außerhalb ihrer Gehege über den Köpfen der Besucher herumzulaufen.

Japanische Pforte vor dem Breslauer Zoo, Foto: Polen.pl (AF)

Japanische Pforte vor dem Breslauer Zoo, Foto: Polen.pl (AF)

Darüber hinaus ist der Breslauer Zoo aus historischer Sicht interessant. Er wurde 1865 eröffnet und feierte somit im vergangenen Jahr sein 150jähriges Bestehen. An der Oderseite stehen noch heute die Zwingeranlagen von damals, die von außen betrachtet an eine Stadtmauer erinnern. Auch die historischen Gebäude wie das Zoodirektorenhaus oder das heutige „Terrarium“ wurden wieder aufgebaut bzw. restauriert. Hinweistafeln informieren über die 150jährige Geschichte des Zoos. Aufgrund seiner Größe ist ein Zoobesuch für Familien mit kleinen Kindern jedoch wohl eher nicht zu empfehlen. Schon wir Erwachsene waren am Ende des Tages sehr erschöpft.

Kulinarik

Frittierte Pierogi, Foto: Polen.pl (AF)

Frittierte Pierogi, Foto: Polen.pl (AF)

Grundsätzlich gilt die Empfehlung, im Urlaub die jeweilige Landesküche zu bevorzugen. Hin und wieder sind wir von dieser Regel abgewichen, weswegen ich mich gar nicht darüber beklagen möchte, dass ich italienisches und chinesisches Essen in Breslau nicht sonderlich ansprechend fand. In der ul. Więzienna oder – wie wir sie nannten – in der italienischen Gasse, reiht sich eine Pizzeria an die andere, doch nach zwei Versuchen hatten wir genug davon. Stattdessen probierten wir das Restaurant „Okrasa“ (ul. Igielna) mit polnisch-internationaler Küche aus. Auf dessen Veranda hatten wir nämlich des Öfteren deutsche Touristen gehört – die sollten ja wohl einen ähnlichen Gaumen haben wie wir. Mit meinem Nudelgericht war ich jedenfalls sehr zufrieden.

 

 

Eine deliziöse Überraschung war das vegane Restaurant „Vega“ direkt am Rynek, wo man unter anderem einen tollen, fleischlosen Burger bekommt. Wer nicht so experimentierfreudig ist, ist in Polen jedenfalls mit pierogi (gefüllte Teigtaschen), naleśniki (süße und deftige Pfannkuchen), żurek (Sauermehlsuppe), placki (Kartoffelpuffer) und Co. bestens versorgt. Und wer sich immer noch unsicher ist, bekommt in einer der Touristeninformationen auf Nachfrage einen „kulinarischen Stadtplan“. Restaurants, Bars und Cafés gibt es in Breslau nämlich wie Sand am Meer. Sich dort zu orientieren, dauert eben länger als zwei Wochen. Eine gute, alte Milchbar (bar mleczny), wo man gut und günstig in bescheidenem Ambiente essen kann, sucht man jedoch vergebens. Nur einmal haben wir eine gesehen, allerdings ziemlich weit vom Zentrum entfernt.

Kleines Reise-ABC

Persönlich finde ich es nützlich und zudem respektsbezeugend gegenüber den Bewohnerinnen und Bewohnern des besuchten Landes, ein paar Ausdrücke und Sätze in der jeweiligen Landessprache zu lernen, bevor ich mich auf die Reise mache. Daher hier noch ein paar Vokabeln, die man sich noch schnell vor dem Urlaub einprägen kann:

ja, nein = tak, nie

Guten Tag! = dzień dobry

Auf Wiedersehen! = do widzenia

bitte = proszę

danke = dziękuję

Entschuldigung! = przepraszam

Was kostet das? = Ile to kosztuje?

Die Rechnung bitte. = Poproszę o rachunek.

Wo befindet sich…? = Gdzie się znajduje…?

links, rechts, geradeaus = na lewo, na prawo, prosto

Straße, Platz = ulica, plac

 

Gute Reise und viel Spaß in der niederschlesischen Landeshauptstadt!

 

 

 

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