WrocLove. Sommerurlaub in Breslau

Jeder kann ein Breslauer Zwerg sein, Foto Polen.pl (AF)(Dülmen, AF) Im vergangenen Jahr haben wir ganz klassisch einen Strandurlaub gemacht: in der Sonne braten, gut essen, faulenzen und lesen. Dieses Jahr sollte das ein wenig anders werden. Nach langen Überlegungen, in die Masuren zu fahren, entschieden wir uns dann doch für einen Städtetripp nach Wrocław (Breslau) – aber gemütlich. Innerhalb von zwei Wochen lässt sich die niederschlesische Landeshauptstadt wohl erkunden, ohne sich dabei allzu sehr zu stressen und Blasen an den Füßen einzuhandeln. Außerdem ist der Zeitpunkt für Breslau günstig, schließlich ist es die Europäische Kulturhauptstadt 2016 (Polen.pl berichtete). Ein abwechslungsreiches Programm war also garantiert.

Wir mieteten uns ein Appartement direkt am Rynek (Marktplatz, gleichbedeutend mit Zentrum der Altstadt), packten unsere Papst Johannes Paul II.-Brücke zwischen Zgorzelec und Görlitz, Foto Polen.pl (AF)sieben Sachen und fuhren mit dem Auto los. Aktualisierte Informationen darüber, was bei einer Autofahrt nach und in Polen zu beachten ist (Geschwindigkeitsbegrenzung, Abblendlichtpflicht, Versicherungsnachweise, Zollvorschriften, etc.) finden sich auf den Seiten des Auswärtigen Amtes. Ein Zwischenstopp in Görlitz und oder Zgorzelec zum Mittagessen, tanken sowie mental und sprachlich auf Polen einstellen ist durchaus zu empfehlen. Dort probierten wir zum ersten Mal „Schlesisches Himmelreich“ – ein Fleischgericht mit Kartoffelklößen und Sauce aus Backobst.

Junge britische Katholiken auf dem Breslauer Rynek, Foto Polen.pl (AF)Touristenmagnet Breslau

Sommerzeit ist Ferienzeit, dementsprechend strotzte der Breslauer Marktplatz stets vor Touristen. Mehr noch als Polnisch hörte man auf den Straßen und in den Restaurants Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch – es besteht also kein Grund zur Panik, wenn Sie kein Polnisch sprechen. Allerdings war Breslau in den letzten Wochen noch internationaler als sonst: Der Weltjugendtag stand kurz bevor und wurde durch die Tage der Begegnung eingeleitet (dazu berichtet unser Portal Grenzenlos). Junge Katholiken aus der ganzen Welt wuselten in großen Gruppen umher und „verstopften“ die Tramstationen. Erkennbar waren sie an den großen Flaggen, die sie stets mit sich trugen, sowie an den Turnbeuteln und Hüten mit dem Logo der Tage der Begegnung (Dni w Diecezjach).

Stadt der KirchenPlakat über die Tage der Begegnung, Foto Polen.pl (AF)

Nicht nur, aber ganz besonders anlässlich des Weltjugendtages ist Breslau mit seinen vielen Kirchen genau die richtige Destination. Vorwiegend ist Breslaus Stadtbild nämlich von katholischen Kirchen geprägt. Die Dominsel (Ostrów Tumski) z.B., der älteste Stadtteil Breslaus, beherbergt die Ägidiuskirche, den Breslauer Dom, die Heilig-Kreuz-Kirche, ein Priesterseminar sowie ein Nonnenkloster. Trotz einer gewissen Verbreitung der evangelischen Kirchen während der Reformation konnte die katholische Kirche ihre Vormachtstellung behaupten. Ferner gibt es in Breslau die Synagoge zum Weißen Storch sowie eine griechisch-katholische Kirche.

 

Abendlicher Blick auf die Ostrow Tumski, Foto Polen.pl (AF)

Über die Kirchengeschichte und die Gründung Breslaus kann man sich in der Dauerausstellung im Königsschloss informieren. Das Königsschloss (Zamek Królewski) an der Kreuzung ul. Kazimierza Wielkiego/ ul. Zamkowa ist heute das historische Museum Breslaus und informiert in Themenräumen über die Breslauer Stadtgeschichte – von ihren Anfängen im Mittelalter bis hin zur Gegenwart.

Zwergenstadtplan, Foto Polen.pl (AF)Stadt der Zwerge

Allgemein bekannt ist Breslau außerdem für seine Zwerge. Von diesen bronzenen Ministatuen zieren inzwischen angeblich ca. 300 Stück das gesamte Stadtbild. Wer also Gefallen an einem Suchspiel findet, kann so ganz ohne Pokémon-App auskommen und sich stattdessen auf die Suche nach den krasnale (Zwergen) machen. Wem das auf Dauer doch zu mühselig ist oder wer einen Spaß für die ganze Familie daraus machen will, kann bei der Touristeninformation einen Zwergenstadtplan für 2 PLN (etwa 50 Cent) erwerben und gezielt lossuchen. (Für besonders Interessierte gibt es einen ganzen Zwergenband im Wert von 35 PLN, also knapp zehn Euro.) Auf der eigenen Suche, bei der wir ca. 40 Zwerge selbst gefunden haben, begegneten wir vielen Familien mit kleinen Kindern, die sich wie Schatzsucher über eine Kiste Goldmünzen freuten, wenn sie mal wieder einen Zwerg erspähten und sich mit ihm fotografierten.

Orangene Alternative, Foto Polen.pl (AF)

Aber was soll das eigentlich mit den Breslauer Zwergen? Obwohl es einen Papa Zwerg gibt, hat das nichts mit den Schlümpfen zu tun. Vielmehr haben die kleinen Bronzestatuen einen politischen Hintergrund. Im Rahmen der „Orangenen Alternative“ drückten Studenten in den 1980er Jahren ihren Protest gegen das kommunistische Regime aus, indem sie beispielsweise im Zwergenkostüm protestierten. In den 2000er Jahren wurde daraus ein Projekt von Studenten der Kunsthochschule. Seitdem kommen immer mehr Zwerge hinzu und sind eine Breslauer Touristenattraktion.

Zahlreiche Zwerge wurden von Bürgerinnen und Bürgern sowie Vereinen und anderen Institutionen gestiftet, wie Plaketten neben oder vor den Zwergen verraten. Es kommen stetig neue hinzu. Vor dem Souvenirladen in dem mittelalterlichen Häuserpaar Jaś i Małgosia, neben der Elisabethkirche, steht ein Pappaufsteller, mit dem man sich fotografieren kann. In der Künstlerpassage in der ul. Jatki haben wir in einem Schaufenster Bronzezwerge wie die auf den Straßen entdeckt; wer das nötige Kleingeld von ab ca. 800 PLN (etwa 200 Euro) hat, kann sich also sogar einen Zwerg mit nach Hause nehmen.

Must see – Panorama Racławicka

Erzählt man einem Polen oder einer Polin, Breslau besucht zu haben, folgt sogleich die Frage, ob man auch das Panorama von Racławice besucht hat. Dieses monumentale 360°-Gemälde zeigt die erste Schlacht des Kościuszko-Aufstandes im Jahr 1794. Im Gegensatz zum Aufstand wurde diese Eröffnungsschlacht gegen die russischen Kräfte gewonnen. In Folge der Niederschlagung wurde Polen zum dritten und letzten Mal zwischen dem Russischen Zarenreich, der Habsburgermonarchie sowie Preußen geteilt. Darauf folgte die 123-jährige Nichtexistenz Polens.

Ausstellung Mode in der PRL, Foto Polen.pl (AF)Ein Künstlerteam unter dem Lemberger Maler Jan Styka tat sich anlässlich des 100. Jahrestags der Schlacht zusammen und schuf innerhalb von gerade einmal neun Monaten das Schlachtenbild von stolzen 1.710 Quadratmetern Größe. 1894 wurde das Panorama in einer Rotunde in Lemberg (Lwów, heute Lviv in der Ukraine) ausgestellt. Seit 1985 kann das Panorama in Breslau bestaunt werden. Bis heute zog es 900 Mio. Besucher an.

Für den Eintrittspreis von 30 PLN (etwa 7,50 Euro) können mit demselben Ticket neben dem Racławice-Panorama zudem das Nationalmuseum (Muzeum Narodowe) sowie das Ethnografische Museum (Muzeum Etnograficzne) besucht werden (das steht in Polnisch auf der Rückseite der Eintrittskarte). Da Kunstkenner sicherlich allein schon im Nationalmuseum einen ganzen Tag zubringen könnten, ist es gut zu wissen, dass das Ticket nicht auf einen Tag beschränkt ist. Im Nationalmuseum wird polnische und europäische Kunst vom 16. Jahrhundert bis heute ausgestellt.

Im Nationalmuseum in der Abteilung mit religiösen Kunstwerken war ich überrascht, Damen fortgeschritteneren Alters anzutreffen, die auf dem Boden sitzend die Kunstwerke mit Bleistift oder Kreide nachzeichnen. So etwas hatte ich bisher nur in Museen in Russland beobachtet. Unsere größte Aufmerksamkeit, die nach Besichtigung der umfangreichen Dauerausstellung zugegebenermaßen zu schwächeln begann, zog allerdings die Sonderausstellung „Mode in der PRL“ (Polska Rzeczpospolita Ludowa: Volksrepublik Polen zu Zeiten des Kommunismus) auf sich. Zur Abwechslung wurden hier keine Gemälde oder Kirchenreliquien ausgestellt, sondern Kleidungsstücke für Frauen, die selbst noch im Warschauer Ghetto ihr Modebewusstsein auslebten.

Nationalmuseum Breslau, Foto Polen.pl (AF)

Das Ethnografische Museum ist folkloristisch konzipiert. Neben Fotografien und Infotafeln, welche zum Teil nur in Polnisch gehalten sind, werden viele originale Gegenstände ausgestellt, Stuben und Handwerkszimmer nachempfunden und mit deutsch- bzw. schlesischsprachiger Musik untermalt. Im letzten Stockwerk werden zudem handwerkliche Erzeugnisse von Huzulen und Lemken (beides ostslavische, sogenannte russinische Volksgruppen) aus der Rzeszower, Lubliner, Oppelner und Suwałki-Region, aus Wolynien, Polesien und der rumänischen Bukowina ausgestellt. Das Museum ist sicher nicht jedermanns Fall, doch wer eine schlesische „ołma“ oder einen „ołpa“ hat, erinnert sich möglicherweise mit Nostalgie an das eine oder andere landwirtschaftliche Gerät oder Spitzendeckchen.

Welche Attraktionen Breslau noch zu bieten hat, welche Veranstaltungen im Rahmen des Europäischen Kulturhauptstadtjahres stattfanden bzw. stattfinden werden und wie die Breslauer Gastronomie aussieht, das erfahren Sie in Kürze im nächsten WrocLove-Beitrag.

 

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