Zeitreise durch Białystok und Zamość

Białystok: Marktplatz

Białystok: Marktplatz

Białystok verfügt nicht nur über eine interessante kulturelle Vielfalt und sehenswerte Natur in seiner näheren Umgebung. Die ehemalige Privatstadt der Branicki-Familie prägte eine wechselvolle Geschichte, die sichtbar im Stadtbild dokumentiert ist. Verschiedene Rundgänge ermöglichen Interessierten heute eine Zeitreise in unterschiedliche Epochen der Ortsgeschichte. Im circa 350 Kilometer südlich gelegenen Zamość ist das nicht ganz so einfach. Unsere Spurensuche im intakten Gefüge der „idealen“ Renaissancestadt drehte sich so auch um ihre ehemaligen Bewohner. Hinter der einen oder anderen liebevoll restaurierten Zamość’er Fassade lebte nämlich schon eine bedeutende Persönlichkeit der Zeit- oder Kulturgeschichte.

 

 

Białystok – Stadt der Branickis

Die Ursprünge der Stadt Białystok liegen im 16. Jahrhundert. Damals befand sich der Ort im Privatbesitz der Familie Wiesiołowski und ging später an die Branickis über. Eine Touristenroute führt jetzt zu den Zeugnissen dieser jahrhundertelangen Ära. Die schönste Sehenswürdigkeit auf dem Weg ist der Branicki-Palast, der als „Versailles des Ostens“ alle Anforderungen der Etikette für den Empfang von Königen erfüllte. Im 18. Jahrhundert machte der Palast Białystok außerdem zu einem kulturellen Zentrum, als im Palastgarten die erste feste Theaterbühne Polens entstand. Nach starken Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde er wieder aufgebaut. Der Branicki-Palast ist seitdem Sitz der renomierten örtlichen Medizinischen Universität. Besichtigt werden können unter anderem die große Aula, das chinesische Zimmer, die Kapelle und der verkleinerte – aber originalgetreue – Palastgarten.
Rathaus und Marktplatz sind nicht Bestandteil des Stadtrundgangs zur Branicki-Familie. Trotzdem prägte diese Periode der Stadtgeschichte sowohl den Markt wie auch das Rathaus. Letzteres war in der Privatstadt nicht als Sitz von Verwaltungsbehörden gedacht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs diente es als Einkaufszentrum. In den letzten Jahren ist der Marktplatz mit dem Rathaus zum Markenzeichen der Stadt geworden. Hier gabelten sich die Straßen nach Suraż und Choroszcz, was dem heutigen „Plac Kościuszki“ seine dreieckige Form verleiht. Als Symbol der Adelsrepublik Polen rissen die sowjetischen Besatzer das Rathaus von Białystok  1940 ab und ersetzten es durch ein Stalindenkmal. Seit dem Wiederaufbau 1953 erfüllt das Gebäude nun tatsächlich eine identitätsstiftende Funktion für Region. Hier zeigt das Museum der Region Podlachien Geschichts- und Kunstausstellungen.

Białystok: Branicki-Palast

Białystok: Branicki-Palast

 

Białystok in den letzten drei Jahrhunderten

Białystok gehörte im 19. Jahrhundert zum Russischen Reich. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde es erst von der Sowjetunion und dann vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt und später erheblich zerstört. Um die Jahrhundertwende war Białystok ein prosperierendes Zentrum der Textilindustrie, denn seit 1830 galten im Russischen Reich hohe Zölle und Importverbote für Produkte aus Polen. Wer seine Fabrik in Białystok aufbaute, befand sich auf russischem Boden und konnte diese kostenintensiven Ärgernisse umgehen. Die Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre und der Zweite Weltkrieg beendeten schließlich die Ära der Industriestadt Białystok. Nun erinnert die Route der Białystoker Fabrikanten an diese Phase. Weitere Spuren des ausgehenden 19. Jahrhunderts können auf dem Weg der Holzarchitektur bewundert werden. Wer die hier erwähnten Rundgänge in Angriff nimmt, sollte ein internetfähiges Gerät mitnehmen, das den Adobe Flash Player unterstützt. Auf der interaktiven Webseite der Stadtverwaltung odkryj.bialystok.pl kann man sich dadurch unterwegs über die Geschichte der Straßen und Gebäude auf der Strecke informieren – allerdings bisher leider nur in polnischer Sprache.

Białystok bietet zudem noch einen weiteren Touristenweg: Dieser präsentiert die deutlich in der Stadt sichtbaren Überbleibsel der Polnischen Volksrepublik. Stationen sind Kunstwerke im öffentlichen Raum ebenso wie Gebäude mit typischer Architektur. Dazu gehören Wohn- und Handelshäuser, die alte Philharmonie oder das ehemalige Parteihaus („Dom Partii”), ab 1953 Sitz der lokalen Organe der regierenden PZPR. Online kann der interaktive Stadtplan abgerufen werden, den Studierende der Universität Białystok in Kooperation mit der Regionalgruppe der „Krytyka Polityczna“ erstellt haben.

Die Stadt bietet noch ein weiteres Kuriosum: Die Blues-Allee setzt den bekanntesten polnischen Blues-Musikern aus dieser Zeit ein Denkmal. Białystok ist bis in die Gegenwart eines der Zentren der polnischen Bluesmusik und richtet das älteste Blues-Festvials des Landes aus. Die Blues-Allee entstand anlässlich des Blues-Jahres 2007 und des 25. Todestages des Musikers Ryszard Skibiński. Wer Białystok nicht für ein Musikevent besuchen kann, findet vielleicht in den Namen auf der Blues-Allee neue Inspiration für seine Musiksammlung.

Białystok - Oper

Białystok: Oper

Heute ist Białystok mit 300.000 Einwohnern die größte Stadt im Nordosten Polens und ein regionales Wissenschafts- und Bildungszentrum. 50.000 Studierende prägen unverkennbar das Kultur- und Nachtleben. Die weißrussische Bevölkerungsminderheit sowie die Lage an den Bahnstrecken nach Russland und in die Baltischen Länder machen es zu einem Dreh- und Angelpunkt zwischen Ost- und Westeuropa. Dass sich Białystok neben der Pflege seiner Traditionen ständig erneuert, dafür steht beinahe repräsentativ das moderne Opernhaus. Der Glas- und Stahlbau mit dem grünen Grasdach soll zum kulturellen Zentrum der Region avancieren. Er demonstriert außerdem Offenheit für Künstler aus den Reihen der nationalen Minderheiten und der osteuropäischen Nachbarländer. Schauspieler, Tänzer, Musiker und Regisseure finden hier für ihre Inszenierungen die modernste technische Infrastruktur im ganzen Land. Wer mag, kann tagsüber über das grüne Dach des Gebäudes flanieren und eine wunderbare Aussicht über die Stadt genießen.

Zamość – Geburt einer „idealen Stadt“

Zamość: Marktplatz

Zamość: Marktplatz

Die Stadt Zamość in der Woiwodschaft Lubelskie ist auf Grund ihrer Lage in der Nähe der Naturlandschaft des Berglandes Roztocze ein beliebtes Ausflugsziel in Polen. In den Kneipen und Restaurants am Marktplatz mischen sich abends junge Leute aus der Stadt mit den Touristen. Ursprünglich wurde Zamość innerhalb kurzer Zeit als privates Projekt des vermögenden Kanzlers und Feldherren Jan Zamoyski am Reißbrett entworfen und erbaut. Der Stadtgründer beauftragte dafür den italienischen Architekten Bernardo Morando mit der Konzeption einer „idealen“ Renaissancestadt. Die Anordnung des Schlosses, der Kirchen und der drei Marktplätze folgte strikt funktionalen Gesichtspunkten. Heute kann man in den alten Stadttoren, im Schanzenwerk und in den Kasenmatten der Festungsanlagen Ausstellungen, Konzerte und Theateraufführungen besuchen. Außerdem gibt es eine 500 Meter lange unterirdische Touristenroute der Bastion VII zu entdecken.

In den Jahrhunderten der Stadtgeschichte boten die Festungsanlagen der Bevölkerung aber vor allem sicheren Schutz vor Invasionen. Zamość entwickelte sich mit diesen Voraussetzungen schnell zu einem prosperierenden Zentrum für Handel, Wissenschaft und Handwerk.

Ursprünglich wollte Zamoiski eine Stadt für Katholiken bauen. Bereits wenige Jahre nach der Stadtgründung erlaubte er jedoch Armeniern, Juden und Griechen, sich in Zamość niederzulassen. Später fanden sich unter den Bewohnern der Stadt Kaufleute, Bankiers, Wissenschaftler und Handwerker aus verschiedensten Ländern West- und Südeuropas. Jetzt zeugen die ehemalige Synagoge, die frühere griechische Kirche, der alte russisch-orthodoxe Friedhof und die prächtigen Bürgerhäuser der armenischen Kaufleute am Marktplatz davon.

Auf den Spuren bekannter Stadtkinder

Zamość: Tafel am "falschen" Geburtshaus

Zamość: Tafel am „falschen“ Geburtshaus

Zamość fiel zur Zeit der polnischen Teilungen erst an Österreich (KUK Monarchie), danach war es lange Zeit in den Händen Russlands. Wie in Białystok markierte der Zweite Weltkrieg hier das Ende des jüdischen Lebens. Das intakt gebliebene Renaissance-Stadtbild zeigt aber kaum Spuren der wechselvollen Geschichte des letzten Jahrhunderts.

Was sich einst hinter den Mauern der hübschen Gebäude abspielte, hat uns Stadtführer Bogusław Lipka auf einem gemeinsamen Rundgang aus einer ganz anderen Perspektive vermittelt. Die Altstadt von Zamość ist mit drei berühmten Persönlichkeiten verbunden: dem Dichter Bolesław Leśmian, der Kommunistin Rosa Luxemburg und dem Sänger und Komponisten Marek Grechuta. Rosa Luxemburg – damals Róża Luksemburg – erblickte 1871 das Licht der Welt. Zu Zeiten der Polnischen Volksrepublik spekulierten ehrgeizige Funktionäre der örtlichen Parteisektion erstmals über ihr eventuelles Geburtshaus. 1966 wurde dann ein Haus am Marktplatz mit einer Gedenktafel ausgestattet. Im Stadtarchiv fand man zuvor Hinweise auf einen früheren Bewohner mit dem Namen Luxemburg. Hohe Stellen in Warschau segneten diese Entscheidung trotz dünner Beweislage ab. Erst seit 2003 gilt offiziell ein Gebäude an der ul. Kościuszki 7A (früher ul. Ogrodowa 45) als Elternhaus der später bekannt gewordenen Kommunistin. Das ergaben erneute, genauere Nachforschungen in den alten Grundbüchern. Jetzt ist beides zu bewundern: Die ‚falsche‘ Gedenktafel am Marktplatz und das richtige Geburtshaus Rosa Luxemburgs. Es befindet sich ungefähr fünf Minuten entfernt von dem früher vermuteten in der ul. Staszica 37. Lange hat die Familie Luxemburg nach der Geburt ihrer Tochter Rosa allerdings nicht mehr in Zamość gelebt. 1874 zog sie nach Warschau.

Zamość: Geburtshaus von Marek Grechuta

Zamość: Geburtshaus von Marek Grechuta

Gleich um die Ecke vom ehemaligen Wohnsitz der Luxemburgs, an der ulica Żeromskiego unweit des Plac Wolności, lebte für 13 Jahre der Dichter Bolesław Leśmian (1877-1937). Diese Jahre zwischen 1922 und 1935 fallen in seine wichtigste künstlerische Schaffensperiode. Durch das Entwerfen fantastischer Welten versuchte der studierte Jurist in seinen Texten, aus seiner aufgeräumten bürgerlichen Welt auszubrechen. Leśmian ist außerdem in Polen berühmt für den innovativen und extremen Individualismus in seinen Werken.
Zehn Jahre nach seiner Zeit kam in Zamość schließlich ein weiterer bekannter polnischer Künstler zur Welt: Der Sänger, Dichter und Komponist Marek Grechuta. Zu Grechutas Arbeiten gehören Vertonungen der Texte zeitgenössischer polnischer Künstler mit Elementen aus der Jazz-, Rock- und Jazzrockmusik. Gemeinsam mit der Schauspielerin und Sängerin Krystyna Janda setzte er 1984 auf seinem Album „W malinowym chruśniaku“ auch Gedichte von Bolesław Leśmian musikalisch um. Grechuta hat bis zu seinem Tod 2006 in Krakau unzählige Preise erhalten. Das nach ihm benannte Kulturfestival ist mittlerweile eines von vielen jährlichen Highlights in der Tradition der Stadtgeschichte. Der Theatersommer (Lato Teatralne – Ende Juni, Anfang Juli), die Musiktage und einige Jazzfestivals sind weitere davon. Seine multikulturelle Vergangenheit pflegt Zamość mit einem Festival der italienischen Kultur, dem internationalen Folklorefestival „Eurofolk“ (im Juli) oder „Sacrofilm“, den internationalen Tage des religiösen Films.

 

Ein Reiseprojekt in Kooperation mit dem Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin

Unser herzlicher Dank gilt dem Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, das unsere Recherche finanziell unterstützte und uns mit vielen nützlichen Hinweisen bei der Auswahl der Reiseziele beriet.

Ich danke außerdem einem ganz besonderen Menschen in meinem Leben für die gemeinsamen schönen Erlebnisse und die vielen wertvollen Gespräche, in denen ich meine Gedanken vor dem Schreiben ordnen konnte.

Für Leserfragen und Insidertipps stehe ich gern zur Verfügung unter julia@polen.pl.

 

Quellen:

  • Fundacja Uniwersytetu w Białymstoku (2009): Ładniej? – PRL w przestrzeni miasta. Białostocka architektura lat 1949 – 1989, in: http://www.ladniej.uwb.edu.pl/mapaarchitektura4589.html
  • Lorentz, Ewa (2003): Dom Róży Luxemburg w Zamościu – Prawa i Mit, in Z archiwalnych półek, Archiwariusz Zamojski: http://zamosc.ap.gov.pl/wp-content/uploads/2013/01/017-Lorentz_Dom-Róży-Luxemburg-w-Zamościu-prawda-i-mit.pdf
  • Odkryj Białystok, in: www.odkryj.bialystok.pl
  • Offizielles Förderportal der Republik Polen: Oper verbindet Kulturen, in: http://de.poland.gov.pl/Oper,verbindet,Kulturen,Ereignisse,7073×3242.html
  • Opera i Filharmonia Podlaska: http://opera.bialystok.pl/pl/instytucja.html
  • Ralf Dreiundzwanzig (2012): Grüne Architektur der Oper und Philharmonie in Białystok, Polen, in: http://blog.r23.de/gruene-architektur-oper-philharmonie-biaystok-polen/
  • Reise nach Polen – Polenreisen: Białystok erhält seine grüne Oper, in: http://www.reisenachpolen.de/presse-news/kultur-und-freizeit/949-bialystok-erhaelt-seine-gruene-oper.html
  • Podlaska Regionalna Organizacja Turystyczna (2010): Die größten touristischen Attraktionen in Podlachien
  • Podlaska Regionalna Organizacja Turystyczna: KULTUR Podlachien
  • Stadtverwaltung Białystok (2011): Informationsblatt für Touristen
  • Urząd Miejski w Białymstoku: Aleja Bluesa, in: Białystok.pl Oficjalny portal miejski, in: http://www.bialystok.pl/905-aleja-bluesa/default.aspx
  • Urząd Miejski w Zamościu: Zamość – Ideale Stadt
  • Urząd Miejski w Zamościu: Zamość – Miasto idealne
  • Zamojski Ośrodek Informacji Turystyczniej: Zamość. Ideale Stadt
  • Zamojski Ośrodek Informacji Turystyczniej: Zamość. Perle der Renaissance

 

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