Zwei Gedenktage – eine weitere Geschichtsdebatte

Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus im Volkspark Friedrichshain, Berlin. Foto: Polen.pl (JW)

Blumen am Denkmal im Berliner Volkspark Friedrichshain

Die Blumen am Denkmal des polnischen Soldaten und des deutschen Antifaschisten im Berliner Volkspark-Friedrichshain sind mittlerweile verwelkt. Wie jedes Jahr am 1. September hatten der polnische Botschafter sowie Vertreter der Bundesregierung, des Bundestages, der Stadtbehörden Berlins und viele Botschafter Kränze zum Gedenken an den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit dem Angriff auf Polen am 1. September 1939 gedacht.

Genau einen Monat zuvor, am 1. August, fanden in Polen landesweite Feierlichkeiten zum 67. Jahrestag des Warschauer Aufstands von 1944 statt. Zwischen den beiden Gedenktagen wurde die polnische Öffentlichkeit von einer weiteren Debatte um die eigene Geschichte und den Folgen für das nationale Selbstverständnis erschüttert. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die  gespaltene Bewertung des Warschauer Aufstands.

Wahnsinnstat oder heldenhafter Freiheitskampf?

Wie unter anderem die Süddeutsche Zeitung berichtete, hatte der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski den Aufstand gegen die deutsche Besatzung per Twitter eine ’nationale Katastrophe‘ genannt und einen Link zu einer Website geteilt, die den Aufstand als eine ‚unverantwortliche Wahnsinnstat‘ beurteilte.  Der Aufstand der polnischen Untergrundarmee Armia Krajow (deutsch: Heimatarmee) wurde 1944 von Wehrmachts- und Waffen-SS-Truppen durch ein regelrechtes Blutbad beendet: Etwa 20.000 Aufständische und etwa 200.000 Zivilisten wurden getötet, die Stadt Warschau fast vollständig zerstört.

Integraler Bestandteil der Erinnerungskultur

Die Geschichte des Warschauer Aufstands war für die Polen, wie der Journalist Ulrich Krökel andeutet, lange Zeit ein unverzichtbarer Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses. Für das post-kommunistische Polen bildete der Warschauer Aufstand einen festen Bezugspunkt für die durch die friedliche Revolution erstrittene Dritte Polnische Republik – so setzte der damalige Warschauer Bürgermeister Lech Kaczyński 2002  den Bau eines Museums durch, das dem Warschauer Aufstand gewidmet ist. So wurde der Aufstand gegen die Nazi-Besatzung zum nationalen Mythos.

Hier und Jetzt

Welche Erfolgsaussichten die Erhebung der Armia Krajowa 1944 tatsächlich hatte und wie dieser Kampf insgesamt heute bewertet werden muss, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Ob Historiker sie abschließend klären können, ist ungewiss. Denn Geschichte entsteht erst, wenn Vergangenes in der Gegenwart betrachtet wird und ist daher stark abhängig von gegenwärtigen Fragen und Interessen. Das führt uns jedoch wieder ins Hier und Jetzt:
Die polnischen Geschichtsdebatten sind gesellschaftliche Prozesse, in denen die Polen aushandeln welche Version der Geschichte für ihre Identität als Nation relevant ist. Somit sind die Debatten über die Geschichte nichts anderes als der Ausdruck  von Positionsbestimmungen einer sich wandelnden Gesellschaft.

Die welken Blumen am Denkmal im Friedrichshain werden abgeräumt. Die Auseinandersetzungen um die Deutung der jüngeren Geschichte Polens jedoch werden weiter gehen. Die nächste Debatte kommt so sicher wie der nächste Gedenktag.

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  1. Jochen

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