Zwischen Deutschland und Polen: Der Eurocity Wawel

Bahnticket. Foto: Polen.pl (HZ)

„Europa Spezial Polen“ ist das Angebot der DB im Eurocity Wawel

(Krakau, HZ) Eurocity – das bezeichnet  seit 1987 die Zuggattungen im Europäischen Bahn-Fernverkehr.  Eurocity – das klingt nach europäischer Zusammenarbeit von Eisenbahnen verschiedener Länder mit gemeinsamen Standards.  Eurocity suggeriert, sich schnell und bequem von Land A nach Land B zu bewegen, von einer europäischen Stadt in die andere.

Eine bemerkenswerte Ausnahme bildet im europäischen Zugnetz der Eurocity 248/249. Die polnische Eisenbahngesellschaft PKP Intercity nennt ihn „Wawel“, nach dem Krakauer Königsschloss, die DB lässt die Eurocity namenlos fahren. Wochentags bedient er die Strecke Hamburg-Krakau, am Wochenende teilweise verkürzt auf Berlin-Krakau beziehungsweise die jeweilige Gegenrichtung. Um 13 Stunden beträgt die Fahrzeit auf der gesamten Strecke, aber die legt ohnehin kaum jemand als Ganzes zurück – es gibt schnellere Umsteigeverbindungen!

Über 10 Stunden von Berlin nach Krakau

Immer noch über zehn Stunden braucht man aus Berlin nach Krakau für weniger als 600 Kilometer. Macht knapp 60 Stundenkilometer Durchschnittsgeschwindigkeit, die immer wieder auftretenden Verspätungen nicht einberechnet. Wahrlich alles andere als ein europäischer Spitzenwert. Wer hier fährt, hat entweder Flugangst (Air Berlin braucht 90 Minuten für die gleiche Strecke) oder mag aus unterschiedlichen Gründen nicht mit dem Auto fahren (Auf der Autobahn A4 kann man die Strecke in gut sechs Stunden bewältigen.).

Möglicherweise hat der Zugreisende eine Leidenschaft für die Eisenbahn: Dann kommt er mit Langsam-Fahrstrecken und Baustellen, mit mehreren Fahrkartenkontrollen durch den häufigeren Wechsel der Zugbegleiter, Lokomotivwechsel in Polen einschließlich An- bzw. Abkoppeln eines Barwagens (wenn dieser sich nicht gerade in Reparatur befindet, wie zum Beispiel mehrere Wochen im Sommer diesen Jahres)  sicher auf seine Kosten.

Noch bemerkenswerter beim EC Wawel ist das offenkundige Fehlen der Zusammenarbeit der deutschen DB und der polnischen PKP Intercity beim Service, besonders bei den Fahrkarten und Reservierungen für diesen Zug. Jede der beiden Bahnen bietet ein getrenntes Sonderangebot für diesen Zug an. Die Deutsche Bahn offeriert ihren Kunden mit dem „Europa Spezial“ eine Fahrkarte ab 39 Euro für die einfache Fahrt, die mit einer Bahncard 25 noch auf 29,25 Euro reduziert werden kann. (Das macht übrigens im günstigsten Fall nur etwa 2,90 € pro Stunde Fahrtzeit aus…).

Das „Europa-Spezial“ der DB hat einige Vorteile: Es kann online gekauft werden. Direkt ausgedruckt werden kann es auch, sofern die Reise in Deutschland beginnt. Möchte ein deutscher Kunde aber nur eine Fahrkarte für die Richtung Krakau-Berlin kaufen, so kann er diese nicht selber ausdrucken, sondern muss sie sich per Post (gegen Gebühr) zuschicken lassen. Kurzfristige Ticketkäufe entfallen so und auch Briefe sind lange zwischen beiden Ländern unterwegs. Das wäre aber ein anderes Polen.pl-Thema.

Die polnische Bahn PKP Intercity hingegen bietet ein „SparDay“-Angebot an. Es ist etwas günstiger, so kostet zum Beispiel die Fahrt von Krakau nach Berlin 29 Euro für jedermann, denn einen eigenen Bahncard-Rabatt gibt es hier nicht. Ein Online-Kauf und ein eigener Ausdruck sind nicht möglich, die Fahrkarte wird nur an den internationalen Kassen in Polen verkauft.

Gravierend können die Unterschiede sein, wenn man mit eigenen Kindern reist. Die deutsche DB lässt Familienkinder beim Angebot „Europa Spezial“ bis zum 15. Lebensjahr umsonst mitfahren. Beim polnischen „SparDay“ fahren Kinder immerhin bis zum 12. Lebensjahr mit den Eltern umsonst. Fährt man im EC Wawel hingegen mit einer normalen polnischen Fahrkarte, so muss in Polen bereits für Kinder ab 4 Jahren ein eigener Fahrschein gekauft werden.

Das größte Ärgernis für die Reisenden zwischen Deutschland und Polen sind beim EC Wawel die Unterschiede bei der Reservierung des Zuges. Bei der DB besteht für die gesamte Strecke, gleichgültig in welche Fahrtrichtung, keine Reservierungspflicht – wer einen garantierten Sitzplatz möchte, kann diesen buchen, muss dies jedoch nicht, wenn er auf einen der üblicherweise vielen freien Plätze zählt.

Reservierungspflicht: Ja, Nein oder Vielleicht?

Im Eurocity Wawel nachträglich ausgestellt –
die DB um Erstattung bitten

Die polnische PKP Intercity hat diesen Zug jedoch als reservierungspflichtig klassifiziert. Daher bestehen die polnischen Zugbegleiter auf eine Reservierung, zumindest auf der Strecke nach Deutschland, also auf der Rückfahrt für die deutschen Passagiere. Praktisch täglich werden so die deutschen Reisenden mit ihren in Deutschland gekauften Fahrkarten, zum Beispiel dem „Europa Spezial“, davon überrascht (und häufig verärgert), dass die polnischen Schaffner für eine Reservierung (des eben oft leeren Zugs) eine Nachgebühr von 4 bis 6 Euro für die Platzkarte fordern. Die polnischen Fahrgäste hingegen besitzen eine Reservierung, im „SparDay“-Angebot  ist sie gleich im Preis eingeschlossen. Den deutschen Fahrgästen bleibt nur übrig, sich später an die DB zu wenden und sich um eine (Kulanz-)Erstattung zu bemühen.

Recherchen von Polen.pl bei der deutschen und der polnischen Bahn haben ergeben, dass die Frage der Zugreservierung von beiden Eisenbahngesellschaften unterschiedlich interpretiert und praktiziert wird.  Daher enthalten die Fahrpläne gegensätzliche Informationen zur Frage der Reservierung. Vielleicht  finden die deutsche und die polnische Bahn zum nächsten Fahrplanwechsel am 9. Dezember gemeinsam eine Lösung für dieses und die anderen Probleme, denn europäische Eisenbahn-Zusammenarbeit bei den Eurocity im Jahr 2012 sollte anders aussehen.

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  1. Niels Gatzke
  2. Hartmut
  3. Jochen
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