Zwischen Konkurrenz und Kooperation: Polen und Deutschland auf Wirtschaftsebene

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

Do IT with Poland. Quelle: poland-it.pl

(Berlin, JW) Warum nur kann die Welt nicht so handlich sein, wie in Ansprachen von Politikern? Außer in den Sonntagsreden zu den deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen ist die Situation leider nicht ganz so eindeutig: Neben Kooperationsansätzen gibt es auch eine ganze Reihe von Wirtschaftsbereichen mit starker Konkurrenz. Während an politischen Treffen immer betont wird, wie wichtig die Zusammenarbeit sei, so gibt es in anderen Bereichen durchaus auch einen Wettbewerb um Märkte, Unternehmen und Personal. Wie ist das zu bewerten und was lässt sich daraus ableiten? Auch dazu gibt es keine simple Antwort; denn Gemeinsinn wie auch Konkurrenz können eine Berechtigung haben. Thema dieses Beitrags ist, einige der Kooperationsansätze und auch der konkurrierenden Aktivitäten zu betrachten, um zumindest eine Basis für eine Bewertung zu haben.

‚Made in Poland‘ versus ‚Made in Germany‘

Bis Ende vergangenen Jahres lief eine Kampagne des polnischen Wirtschaftsministeriums. Deren Titel ‚Made in Poland‘ konnte ohne Frage als Antwort auf das Gütesiegel ‚Made in Germany‘ betrachtet werden. Das liegt so offenkundig auf der Hand, dass selbst die Pressemitteilungen der Agentur, die die Kampagne betreute, nicht um den heißen Brei herumschrieben: ihr Ziel war das Werben für polnische Exportgüter, vor allem für Möbel, Handwerksprodukte (insbesondere Fenster und Türen), IT-Dienstleistungen und regionale Lebensmittel. Diese etwas willkürlich erscheinende Liste von chancenträchtigen Polen-Exporten war wohl auf der Basis bisher erfolgreicher Branchen erstellt worden. Sie zielte nach eigenen Angaben auf starke polnische Marken, hochklassige Qualität und engagierte, hochqualifizierte Menschen. Zwar betont man in einer Pressemitteilung von 2013 auch die Chancen bei einer Zusammenarbeit mit Unternehmen aus Deutschland, aber die Nachricht ist klar: In Bereichen wie der Produktion von Türen und Fenstern, wo Polen nach eigenen Angaben einen Marktanteil in Europa von fast 30 Prozent erreicht hat, muss sich das Land nicht mehr verstecken. Die Kooperationsofferte in Richtung Deutschland richtet sich damit wohl eher an die Monteure der Türen und Fenster aus den polnischen Werken. Fensterbauer in Deutschland werden davon wohl nicht begeistert sein.

Regionen in Deutschland, die Arbeitsplätze zum Beispiel in Call-Centern an Polen verloren haben, werden die Erfolgsmeldung zur Relevanz Polens im IT- und ICT-Bereich (gemeint sind Informationstechnik und IT-Kommunikation) in der Pressemitteilung wohl ebenfalls kritisch bewerten. Vielleicht ein Grund, dass man darin besonders auf die Softwareentwicklung in Polen abstellte. Dieser Bereich ist nicht ganz so umkämpft, da hier die gesamte Nachfrage größer als das Angebot sein dürfte.

‚Do IT with Poland‘

Die Zukunftsbranche IT scheint ein besonderes Beispiel für einen Bereich mit Konkurrenz beider Länder zu sein. Auch hier gibt es eine polnische Kampagne, die unter dem Namen ‚Do IT with Poland‚ noch bis 2015 läuft und ’starke polnische Marken‘ schaffen möchte, die international anerkannt sind. Der Aufbau von Geschäftskontakten und die Erhöhung der werblichen Reichweite von polnischen Unternehmen werden unterstützt. Das Ziel ist klar: Es wird eine Erhöhung des Wettbewerbs in diesem Bereich angestrebt, auch wenn dabei im Einzelfall eine Kooperation sinnvoll sein kann. Natürlich gibt es auch IT-Förderprogramme in Deutschland, zum Beispiel für Existenzgründer (siehe Bundesministerium für Wirtschaft und Energie). So fördern also beide Länder die Wettbewerbsfähigkeit der IT-Unternehmen, woraus sich die Frage ableiten lässt: Kann sich, wenn beide Länder die eigenen Unternehmen fördern, am Ende dadurch wirklich ein Land einen Vorteil verschaffen? Oder würde nur ein Land, wenn es nicht fördert, deswegen gegenüber dem anderen zurückfallen?

Gemacht in Polen

Nun aber ein anderes Beispiel: Der Titel klingt ähnlich wie das oben erwähnte Programm, ‚GemachtinPolen‘ zielt jedoch auf etwas ganz anderes: Es handelt sich um ein Kooperationsprogramm. Unter gemachtinpolen.de gibt es Unterstützung der Botschaft der Republik Polen zur Anbahnung von Projekten der Zusammenarbeit. Messeteilnahmen, Datenbanken und Kontaktvermittlungen sollen diesen kooperativen Ansatz mit dem Ziel der Bildung von Partnerschaften unterstützen, die beiden Seiten nützen.

Nutzen für beide Seiten

Auch andere Projekte streben einen Nutzen für beide Länder an, wobei häufig unklar bleibt, ob nicht doch an einigen Stellen bestimmte Marktteilnehmer unter der Zusammenarbeit leiden. Ein Beispiel: Die AOK, eine große gesetzliche Krankenkasse in Deutschland, bietet zumindest seitens der AOK Nordost eine Kooperation mit polnischen Gesundheitseinrichtungen an. So sollen Versicherte dieser Krankenkasse ein Gesundheitszentrum in Szczecin (Stettin) ebenfalls – wie bei einem Arztbesuch in Deutschland – mit ihrer Versichertenkarte zur Behandlung aufsuchen können. Was einerseits als Angebot an die grenznahe Bevölkerung gemeint sein kann und eine Antwort auf die mögliche Unterversorgung mit Ärzten auf der deutschen Seite, kann andererseits auch Ärzte in Deutschland Umsatz kosten. Die Kooperation der Krankenkasse bezieht sich allerdings auf einen deutschen Klinik- und Gesundheitszentrumsbetreiber mit Sitz in Hamburg, der auch eine Filiale in Stettin unterhält. Somit profitiert am Ende ein Unternehmen aus Deutschland, was die Kooperation zumindest verdächtig macht, kein klassisches gemeinsames Interesse zu verfolgen.

Schwierige Gratwanderung

Das letzte Beispiel zeigt, wie schmal der Grat zwischen Kooperation und Konkurrenz ist. Auf jeden Fall viel schwerer, als er sich in den Sonntagsreden darstellt. Natürlich mag es Kooperationen geben, die auf beiden Seiten zu einem Erfolg führen. Viele Kooperationen haben jedoch auch negative Nebeneffekte bei anderen betroffenen. Man kann das auf Markteffekte zurückführen, muss sich aber fragen, ob staatliche Eingriffe durch Wirtschaftsförderungsprogramme dann angemessen sind. Für Beobachter stellt es sich so dar: Wenn ein Land fördert, ist das andere auch dazu gezwungen. Damit schaukeln sich Fördergelder hoch, ohne dass tatsächlich Vorteile entstehen. Besser scheinen mir dann doch die ohne direkte Fördergelder angelegten Unterstützungsangebote für den Kooperationsaufbau.

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