Zwischen Notwahl und Stabilitätsorientierung – Ergebnisse und Kommentare

Wahlkampfplakate in Torun. Foto: Polen.pl (JE)

Nach der Wahl: Noch hängen die Wahlplakate.

(Berlin, JW) Die offiziellen Wahlergebnisse für die Sejm-Wahlen (Parlamentswahlen) in Polen wurden heute bekannt gegeben: 39,18 Prozent erreichte die PO, die Bürgerplattform mit Donald Tusk. Das ist ein erheblicher Vorsprung zur PiS-Partei (Recht und Gerechtigkeit) mit Jaroslaw Kazynski, die auf 29,89 Prozent kam. Die ‚Ruch Palikota‘ (RP, auf Deutsch etwa ‚Palikota-Bewegung‘) schaffte die große Überraschung und gelangte bei der ersten Wahl nach ihrer Gründung gleich auf 10,02 Prozent. Die Bauernpartei PSL positionierte sich mit 8,36 Prozent sogar knapp vor den Sozialdemokraten (SLD) mit 8,24 Prozent.

Gepaart mit einer niedrigen Beteiligung an der Wahl (48,87 Prozent)  sorgte dieses Ergebnis auch in den deutschen Medien für Kommentare: Allerdings konnte man sehr unterschiedliche Interpretationen lesen.

Zwischen Lob und Verriss

Mehr oder weniger als ‚Notwahl‘ der Polen stellt beispielsweise ‚Spiegel online‘ das Ergebnis dar. So habe es der ’nette Langweiler‘ Tusk nur mit Mühe und Not zu einer Wiederwahl geschafft, und nur deshalb, weil es keine Alternative gab. Das jedenfalls schreibt Jan Puhl in einem in den Kommentaren sehr kontrovers diskutierten Beitrag auf ‚Spiegel online‚. Der erheblich negative Tenor zu Tusks Regierungszeit in Puhls Artikel bezieht sich auf unterlassene Reformen, korrupte Politiker und nicht fertige EM-Fußballstadien. Tusk, so wird interpretiert, habe wenig bis nichts zur guten wirtschaftlichen Situation Polens beigetragen und habe lediglich Glück gehabt, dass kein ernstzunehmender politischer Wettbewerber auf den Plan getreten sei. Der Unternehmer Palikot, der mit seiner ‚Bewegung‘ aus dem Stand zehn Prozent der Wählerstimmen einfing, wird als ‚Polit-Clown‘ bezeichnet, der nicht für klare Ziele, sondern lediglich für aktionistische Auftritte stehe. In den Kommentaren zu diesem Beitrag werden insbesondere die Darstellung der politischen Leistungen und Ziele Tusks und die Beschreibung des Newcomers Palikot als verkürzte und einseitige Darstellung kritisiert.

Andere Medien empfinden die Wahl hingegen als klug und wirtschaftsorientiert. So etwa der Korrespondent der Zeitung ‚Welt‘ in Warschau, Gerhard Gnauck. In seinem Kommentar auf ‚Welt online‚ lobt er die Stabilisierung der politischen und ökonomischen Verhältnisse durch die – in Polen seit der Wende erstmalige – Wiederwahl einer Partei. Für ihn ist das, was Puhl als ‚Verzögern von Reformen‘ betrachtet, eine ‚Politik der ruhigen Hand‘, die gerade in einem in den letzten Jahren eher unruhigen Land ein anspruchsvolles Unterfangen sei. Ähnlich sieht das auch der Kommentator der  Tagesschau, Henryk Jarczyk. ‚Polens Wähler belohnen eine kluge Politik‘ ist Tenor und Überschrift seiner Einschätzung. Stabilität, Kontinuität und Europafreundlichkeit sind seine Pluspunkte für den Wahlsieger, außerdem betont er im Gegensatz zu Puhl gerade die Qualität der aufgenommenen Reformen unter der Tusk-Regierung. Auch diese Beiträge werden teilweise in Kommentaren kontrovers besprochen, unter anderem, was die Bewertung des Wahlergebnisses von Tusk anbetrifft (sind 39 Prozent viel oder wenig) und die Leistung desselben zur Erreichung des Ergebnisses.

Was bedeutet das?

Wie können unterschiedliche Betrachter bei Betrachtung des gleichen Sachverhaltes zu derart unterschiedlichen Sichtweisen gelangen: Das ist eine berechtigte Frage. Zunächst einmal bleibt festzustellen, dass die Abweichungen insbesondere bei der Bewertung der Reformergebnisse Tusks auftreten. Daneben fällt die Bewertung des guten Wahlergebnisses für Palikot sehr unterschiedlich aus. So fasst beispielsweise die ‚Süddeutsche‚ Palikot eher als ‚Provokateur mit Substanz‘ auf, denn als ‚Polit-Clown‘. Und auch das wird begründet, weil mit Palikots Partei erstmals eine bewusst nichtkirchliche politische Organisation politisch relevant wird.

Es scheint, als sei manche Interpretation etwas zu kurz gesprungen und habe sich Klischeebilder von ‚polnischer Wirtschaft‘ und ‚mangelnder Erwachsenheit‘ der polnischen Wähler – und Politiker – zu eigen gemacht. Eine differenzierte Analyse der Parteienlandschaft kann in den Kommentaren der Tagespresse vielleicht nicht erwartet werden, doch eine objektive Auseinandersetzung wäre dann doch wünschenswert. Man kann bei den Kommentaren zur Wahl in Polen den bereits bei einer Konferenz im April formulierten ‚Journalisten-Reflex‘ bei Artikeln zu Polen erkennen glauben: Die Darstellung der Klischees fällt nach dieser Theorie leichter, als eine genaue Beschreibung der tatsächlichen Situation. Wenn Klischeebilder genutzt werden können, um die Leserschaft in bestehenden Eindrücken zu bestätigen, erleichtert dies natürlich einen leicht lesbaren Artikel.

So gesehen sind sowohl das uneingeschränkte Gutheißen des Wahlergebnisses – selbst bei besten Absichten – wie auch der vollständige Verriss keine ausreichend distanzierte Betrachtung. Die für Deutsche schwer nachvollziehbare Parteienlandschaft Polens wird nur in sehr wenigen Medienbeiträgen erläutert (wir sparen uns das an dieser Stelle auch aufgrund einiger früherer Artikel und hoffen natürlich auf regelmäßige Leserschaft bei Polen.pl), stattdessen findet man vielfach einseitige Darstellungen auf Basis eines einzigen Aspekts wie ‚Europafreundlichkeit‘ oder ‚Politik-Clownerie‘.

...sind diese Artikel auch interessant für Sie?

Comments
  1. Jens
  2. Juergen
  3. Pole
  4. georg kohl
  5. georg kohl
  6. Jens

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*