Briefmarkenausstellung im DPI, Quelle: Polen.pl

„100 Jahre Polen. Kleine Bilder mit großen Geschichten“ – Eine Ausstellung

Zum 100-jährigen Jubiläum Polens hat das Deutsche Polen-Institut eine Wanderausstellung zur Kulturgeschichte Polens im Spiegel von 100 Briefmarken konzipiert. Sie ist noch bis zum 9. November 2018 im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt zu sehen und wird anschließend an verschiedenen Orten in Deutschland gezeigt werden. Die 20 Tafeln umfassende Briefmarkenausstellung gibt aus polnischer Perspektive einen Einblick in die wechselvolle Historie des Landes.

 

Briefmarken als Fenster von Nationen

Briefmarken sind nicht nur ein neutrales Objekt, sondern spiegeln auf vielfältige Art und Weise die Belange von Nationen wieder. Da Briefmarken ausschließlich staatlich ausgegeben werden, eröffnen sie die Möglichkeit der Übermittlung politischer Botschaften, sind symbolischer Träger von Kultur und weisen auf historische, wirtschaftliche oder soziale Begebenheiten hin. Sie sind damit alles andere als neutral und haben darüber hinaus einen hohen Wirkungsgrad in ihrer Rezeption, der in Zeiten vor Computern und Smartphones noch viel stärker gegeben war und viele Menschen erreichte.

 

Polens wechselvolle Geschichte

Wie wichtig Briefmarken waren, zeigen die ersten Marken von 1918, als der polnische Staat die Briefmarken der jeweiligen Besatzungsmächte aus Mangel an eigenen Institutionen kurzerhand überstempelte. Zugleich ist dies ein symbolisches Zeichen der wiedererlangten Souveränität Polens, das eine entsprechende Signalwirkung gehabt haben dürfte. Besonders deutlich wird dabei das immer wiederkehrende Motiv des Widerstandes und des Kampfes um Freiheit, das aus den drei polnischen Teilungen resultiert. Die wiedererlangte Souveränität Polens spielte auf den Briefmarken in den folgenden Jahrzehnten somit eine zentrale Rolle und ist als Ausdruck eines nach außen zu vermittelnden Nationalgefühls zu lesen.

Die Ausstellung führt anhand der Briefmarken nach der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität zunächst zu den Schlesischen Aufständen, um anschließend die Vorkriegszeit näher in den Blick zu nehmen. Die 1920er und 1930er waren in Polen von einer besonderen Aufbruchstimmung gekennzeichnet, wie die Briefmarken eindrücklich vermitteln. Im Zweiten Weltkrieg und anschließend ist es erneut das Motiv des Widerstandes, das zum Ausdruck kommt. In der Zeit der sowjetischen Besatzung schließlich wird über die „Wiedergewonnenen Gebiete“ die geschichtspolitische Sicht Polens deutlich. Die Briefmarken spiegeln somit also stets die Perspektive des Staates wieder und verstehen sich als ein öffentliches Sprachrohr der Regierenden an die Bevölkerung. Besonders deutlich wird dies bei sowjetischen Versprechen zu infrastrukturellem und wirtschaftlichem Fortschritt, die sich anhand von Motiven wie dem Miały Fiat und Autobahnen ablesen lassen.

 

Erinnerungspolitische Akzente

Den Opfern der Aufstände von 1970 durfte erst ein Jahrzehnt später gedacht werden. Die für diesen Anlass konzipierte Briefmarke wurde aufgrund der Verhängung des Kriegsrechtes niemals veröffentlicht. Diese Briefmarken in der Ausstellung zeugen vom schwierigen Umgang mit der eigenen Geschichte und dem erinnerungskulturellen Wert von Briefmarken. Sie stellen damit bis heute einen Spiegel der damaligen Zeit dar, der vielen Menschen nicht (mehr) bewusst ist und sich aus der offiziellen Geschichte des Landes nur schwer rekonstruieren lässt. Dazu gehört auch der Themenkomplex Opposition, Repression und Revolution, die die 1980er Jahre in Polen prägen und schließlich zum Untergang des Sozialismus in Polen führen.

 

Wertewandel und Transformation

Nach 1989 wandeln sich die Motive der Briefmarken gänzlich und verweisen auf die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft sowie einer nach Westen orientierten Politik und Wirtschaft. Der erinnerungspolitische Aspekt bleibt aber bestehen und verdeutlicht sich in den letzten Jahren noch einmal an der Tragödie von Smoleńsk, der auch auf den Briefmarken gedacht wird. Das Opfernarrativ bekommt in Polen anhand des Umdeutens von geschichtspolitischen Ereignissen neuen Zulauf und verstetigt sich als Narrative auf den Briefmarken. Sie sind damit nicht nur historisch wertvoll, sondern bieten auch Einblick in eine zeithistorische Perspektive von Deutungen und Repräsentationen im gegenwärtigen Polen.

 

Die Ausstellung ist noch bis zum 9. November 2018 im Deutschen Polen-Institut, Marktplatz 15, in Darmstadt zu besichtigen.

Mo-Do: 09-17 Uhr / Fr: 9-13 Uhr

Eintritt frei

Katharina studierte in Kiel und Valencia Europäische Ethnologie, Klassische Archäologie und Volkswirtschaftslehre. Am Ende ihres Studiums fing sie an, sich für Polen zu interessieren und Polnisch zu lernen. Nach dem Studium nahm sie für einige Monate eine Stelle an der Universität Posen an und verliebte sich endgültig in das Land. Sie schrieb sogar ihre Dissertation über die deutsche Minderheit in Polen und darf daher immer wieder nach Polen zurückkehren. Somit ist sie mit Polen mittlerweile fest verbunden und möchte diese Leidenschaft mit anderen teilen.

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