Foto: Mosque Book / Mark Fisher / flickr / CC BY-SA 2.0

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Als Muslima in Polen: „Ich bin Polin und Europäerin.“

Es ist nicht ungewöhnlich, in Krakau Frauen mit Kopftüchern zu sehen. Auf dem Weg zur Teestube, in der ich Kamila Dudkiewicz heute treffe, laufen sie in dunklen Gewändern an mir vorbei. Ich eile aus dem Nieselregen ins Café, in dem es nach süßem Pfeifentabak riecht. Kamila wartet schon auf mich. Ich erkenne sie sofort, denn auch sie trägt ein Kopftuch. Anders als die Frauen, die ich unterwegs gesehen habe, ist sie keine Nonne. Sie ist Muslima.

Damit gehört die 22-jährige zu einer Minderheit, die in Polen gerade mal 0,1% der Gesamtbevölkerung ausmacht. Und doch sind Muslime schon seit dem 14. Jahrhundert in Polen beheimatet: Die Lipka-Tataren leben vor allem im Grenzgebiet zu Weißrussland und Litauen, in Polen leben rund 3000 von ihnen.

Trotzdem gibt es in Polen viele antimuslimische Ressentiments. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts CBOS gaben 2015 etwa 44% der Befragten an, ein negatives Verhältnis zu Muslimen zu haben. Gleichzeitig sagten 88% der Teilnehmenden aus, keine Person muslimischen Glaubens persönlich zu kennen. Laut der Berichts der polnischen Staatsanwaltschaft zu Hassverbrechen waren Muslime 2017 zudem die am stärksten betroffene Minderheit.

Kamila ist erst seit kurzem Muslima. Nach dem Abitur reiste sie für ein Freies Soziales Jahr nach Jordanien. Den Koran ihrer Mitbewohnerin las sie zunächst nur, um ihre arabische Aussprache zu verbessern. Irgendwann schickte ein Freund ihr eine Aufnahme einer Koranrezitation, die sie begeisterte. Sie las, sie unterhielt sich mit muslimischen Frauen, sie konvertierte. Dass es ihr damit ernst war, merkte ihre Familie eher beiläufig. Jordanien hatte einen besonders kalten Winter erlebt, sie schickte ein Foto nach Polen. Kurios für sie: Schnee auf einer Palme. Kurios für ihre Eltern: Das Kopftuch auf ihrer Tochter. Für ihre Eltern kein Problem, für viele andere schon.

Ein Gespräch über Glaube, Vorurteile und die Brisanz eines bunten Stückes Stoff.

Warst du denn vor deinem Übertritt zum Islam religiös?

Ja, ich habe immer an einen Gott geglaubt, aber mein Glaube war nie an kirchliche Institutionen gebunden. Ich bin aus zwei Gründen Muslimin geworden: Einerseits, weil mir die Gastfreundschaft, die Wärme der Menschen in Jordanien gefallen hat und sie viel davon auf ihre Religion zurückgeführt haben.
Andererseits habe ich mich später mehr mit den theologischen Aspekten beschäftigt und festgestellt, dass der Islam für mich mehr Antworten bietet als das Christentum. Beispielsweise haben die christliche Dreifaltigkeit oder das Zölibat für mich nie Sinn gemacht. Mir gefallen auch die muslimischen Friedhöfe. Alle Grabsteine sehen gleich aus, du siehst nicht, ob der Verstorbene ein König oder ein Bettler war.

Was heißt es für dich, Muslima zu sein?

Es heißt, an einen Gott zu glauben. Zu leben, um ihn zu ehren, etwa dadurch, indem ich gut zu meinen Mitmenschen bin. Das gehört für mich zusammen. Der Islam ist aber auch ein Wegweiser für mich, ein moralischer Kompass. Er lehrt mich Eigenschaften wie Geduld, Wertschätzung oder Bescheidenheit. In der Hinsicht hat mich meine Religion sehr geändert. Früher war ich sehr impulsiv, laut, rechthaberisch. Durch meinen Glauben habe ich gelernt, viele Sachen nicht so nah an mich heranzulassen.

Warum hast du dich für das Tragen des Kopftuchs entschieden?

In Jordanien, um dazuzugehören. Muslimische Frauen haben es getragen, ich wollte zeigen, dass ich eine von ihnen bin. Ich habe mich schon gefragt, was ich nach meiner Rückkehr nach Polen machen würde, aber nach acht Monaten ist es so zu einem Teil von mir geworden, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte, es abzulegen. Aus einem Bedürfnis, dazuzugehören ist etwas Größeres geworden, eine Art politisches Statement auch: Ich bin eine Frau, niemand kann mir sagen, wie ich auszusehen habe und ich bin weiterhin Polin und Europäerin. Zuletzt ist es natürlich die spirituelle Dimension.

Haben dich Leute nach deiner Rückkehr anders behandelt als zuvor?

Ich war nach meinem Aufenthalt in Jordanien noch ein paar Mal im Ausland. Als ich das erste Mal wieder kam, zog ich neugierige Blicke auf mich. Aber mit jeder Rückkehr wurden die Blicke feindseliger. Für eine paar Wochen habe ich sogar in Erwägung gezogen, das Kopftuch abzunehmen. Betrunkene haben mir auf Englisch „Polen den Polen“ entgegen gebrüllt und haben dumm geguckt, als ich auf Polnisch geantwortet habe.

Anders behandelt wurde ich zum Beispiel von den Leuten in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Die fühlen sich dann besonders lustig, aber es nervt einfach, wenn es dann ständig heißt: “Komm, wir gehen Wodka trinken”. Haha. Es ist auch vorgekommen, dass eine Nachbarin die Polizei gerufen hat, weil eine Muslima im Haus ist. Die Polizei ist insgesamt drei Mal gekommen. Auf ein verlassenes Nachbarhaus wurden Hassparolen gegen Muslime an die Wand geschmiert. Gegenüber einer Kirche! Dass ihr Gott und mein Gott der gleiche sind, geht ihnen nicht in den Kopf.

Welche Vorurteile über Muslime nerven dich am meisten?

(seufzt) Viele. Dass Muslime schmutzig oder faul seien, dass sie sich an weißen Frauen vergehen. Dass Frauen keine Rechte haben, dass ich nicht ausgehen dürfe, dass mein Mann mir alles befehle. Aber es gibt zwei unterschiedliche Arten von Vorurteilen: Es gibt diejenigen, die es wirklich nicht wissen. Mit denen kann man reden. Schlimmer sind diejenigen, die glauben, etwas zu wissen und die versuchen, mich über meinen Glauben zu belehren und erwarten, dass ich mich verteidige.

Das gesellschaftliche Klima gegenüber Muslimen und anderen Minderheiten hat sich in den letzten Jahren verschlechtert. Was können nicht-muslimische Bürger*innen tun, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Ich glaube, ein zentrales Problem besteht darin, dass wir hier in Polen dazu neigen, uns mit einem Problem nicht weiter zu beschäftigen, wenn es uns persönlich nicht betrifft. Polen hat sich lange über seine Gastfreundschaft definiert. Aber seit ein paar Jahren ziehen sich Menschen immer mehr in ihre Komfortzone zurück, achten nur auf sich und ihre Familie. Warum sollten sie sich dann für einige Tausend Muslime in Polen interessieren? Oder für die Angehörigen einer anderen ethnischen, religiösen oder sexuellen Minderheit?

Ich denke nicht, dass man irgendjemanden dazu zwingen kann, sich für eine bestimmte Gruppe zu interessieren. Aber ich wünsche mir einfach, dass Menschen generell keinen Hass mehr akzeptieren. Dass sie jemandem, der auf der Straße oder im Bus oder wo auch immer angegriffen wird, helfen, egal, wie diese Person aussieht. Dass Leute, wenn sie von häuslicher Gewalt erfahren, nicht denken: “Das geht mich nichts an”.

Was sollten Nicht-Muslime deiner Meinung nach über Muslime wissen?

Dass wir so sind wie Nicht-Muslime auch. Ich würde mir nur wünschen, dass Menschen uns gegenüber offen sind. Dass sie nicht mit vorgefertigten Meinungen in Gespräche gehen. Manchmal ist es besser, zu fragen.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf stosunek.blog.

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