Poniatowskibrücke in Warschau (c) H. Fehlberg

Das Thema Fluss – Die Warschauer Weichsel

(Warszawa, HF) Majestätisch und ruhig fliesst der Strom in seinem breiten Bett, vorbei am in die Höhe strebenden Warschau. Touristen können leicht drei Tage lang diese Grossstadt besuchen und kaum einen Blick auf die Weichsel werfen, so sehr hatte sich die polnische Hauptstadt vom Wasser abgewandt. Ob es an der grossen Verschmutzung des Wassers lag? Oder daran, dass historisch die „minderen Orte“ direkt an der Weichsel lagen? Lange hat es gedauert – nun hat sich Warschau, ähnlich wie Berlin vor einigen Jahren, wieder an seinen Fluss erinnert.

Die Warschauer an die Weichsel holen

Nach den Vorstellungen der Stadtverwaltung wird auf dem linken Weichselufer unterhalb der Altstadt mit dem Projekt Weichsel-Boulevard  eine zwei Kilometer lange neue Stadtpromenade am Wasser sowie eine lockere Bebauung in geringer Intensität entstehen. Die abschnittsweise vorgesehenen Bauarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen und sich bis 2016 hinziehen. Sie werden die Stadt mit der Weichsel vielleicht wieder versöhnen.

Der grösste europäische Dachgarten und die Verantwortung für die Erde

Wissenschaftszentrum Kopernikus in Warschau
(c) 2013 H. Fehlberg

Erste Schritte dazu wurden in den letzten Jahren bereits gemacht. Mit der im Jahr 2002 eröffneten neuen Universitätsbibliothek, deren überraschend üppiger Dachgarten einer der grössten Europas ist, wurde die neuere Entwicklung am Weichselufer eingeleitet. Die Bibliothek entstand als eines der ersten Objekte am Ufer unterhalb der Skarpa, einer rund zwanzig Meter hohen Geländekante, von der aus man einen wunderbaren Blick über das Weichseltal hat. Auch das Wissenschaftszentrum Kopernikus entstand vor wenigen Jahren in direkter Nachbarschaft und erfreut sich grosser Popularität. Es soll Besucher dazu ermuntern, unsere Welt zu entdecken, zu verstehen und Verantwortung für sie zu übernehmen.

Pech mit dem Strassentunnel an der Weichsel

Der alles erdrosselnde Pendler-Autoverkehr drohte, diese Uferentwicklung zu gefährden. Er wurde mit einem parallel zur Weichsel verlaufenden Strassentunnel aus der Innenstadt abgezogen und unter die Erde verlegt. Allerdings quält sich der Verkehr mittlerweile wieder durch die Stadt, da beim Bau der Metrolinie B (Polen.pl berichtete), welche in einigen Jahren das Gebiet auch für Fussgänger besser erschliessen wird, ein Wassereinbruch in die Metrobaustelle eine mehr als einjährige Sperrung des Weichselstrassentunnels verursachte. Das ist erst mal zu verdauen…

Virtuelle Stadtplanung für Warschau

Poniatowskibrücke in Warschau (c) H. Fehlberg

Nicht nur die Stadtverwaltung kümmert sich um die Urbanistik Warschaus. Kreative aus ganz Europa machen sich Gedanken über eine futuristische Stadtentwicklung der polnischen Hauptstadt. Unter dem Namen Futowawa  entstand ein virtueller Ausstellungsort für prämierte Ideen für eine Entwicklung des öffentlichen urbanen Raums in Warschau, ohne dass aufgrund von Bauvorschriften oder Finanzierungsmöglichkeiten gegenwärtig eine Chance besteht, dass diese Konzepte (bald) realisiert werden können. Trotzdem sind sie aufregend und könnten langfristig doch Einfluss auf die Entwicklung nehmen – einfach, weil sie bestehen. So zum Beispiel das aufregende Gegenprojekt für die Weichsel-Uferentwicklung von 4AM Architekci.

Auenwald und Nationalstadion am Fluss

Auenwald an der Weichsel (c)2013 H. Fehlberg

Ein besonderer Ort an jedem Fluss ist natürlich der Strand, besonders, wenn er so breit wie in Warschau ist. Und davon gibt es auf der rechten Seite der Weichsel mit seiner Auenwaldvegetation tatsächlich einige. Leider kann das Flussbaden nicht empfohlen werden, da das trübe dunkelbraune Wasser nicht so gesundheitsfördernd scheint. Aber Basel hatte auch einen verdreckten Rhein und nach 30 Jahren schwimmen wieder Lachse darin. Es besteht also noch Hoffnung…

Im Zuge der Bauarbeiten für das neue Nationalstadion, das auf der rechten Weichselseite liegt, wurde durch den dortigen wilden Auenwald ein über zehn Kilometer langer gemeinsamer Wander-, Jogger- und Fahrradweg angelegt. Angesichts der wenigen Möglichkeiten, innenstadtnah in der Natur Radtouren zu unternehmen, kann man sich im Sommer die dichte Nutzung vorstellen. Aber es nehmen alle aufeinander Rücksicht, so dass auch das Joggen möglich bleibt.

Das Kunst- und Erholungszentrum Temat Rzeka an der Weichsel

Temat Rzeka am Weichselufer in Warschau (c) 2013 H. Fehlberg

Unter dem Namen Temat Rzeka (Thema Fluss) entstand in diesem Frühjahr, vom neuen Nationalstadion durch einen kleinen Wald und eine Strasse getrennt, neben der historischen Poniatowskibrücke ein neues temporäres Kunst- und Erholungszentrum, das den Anspruch hat, eine Dauereinrichtung zu werden. Nach dem Weichselhochwasser wurde der Strandsand wieder an die richtigen Stellen auf dem gut zwei Hektar grossen Strand geschoben. Aus Containern haben die Macher von Temat Rzeka ein architektonisch ansprechendes Gebäude mit grosser Holztreppe entstehen lassen. Täglich besuchen viele Hundert Warschauer und Warschauerinnen diesen wunderbaren Ort an der Poniatowski-Brücke. Das Bereits vor dem Krieg war hier in Anspielung auf die Brücke unter dem Namen Poniatówka der Treffpunkt der Wasser- und Strandszene.

Temat Rzeka am Abend (c) 2013 H. Fehlberg

Hier gibt es neben Getränken jegliche Art von Konzerten, DJs spielen zum Tanz auf, das Radio überträgt live Interviews und wer auf Wakeboards das Surfen in einer Plastik-Wasserrinne üben will, kann sich zum Spass der Herumstehenden daran versuchen. Der schwitzende Besucher kann sich wenigstens in kleinen aufgeblasenen blauen Wasserbecken abkühlen.

Die Sportzone in der Hitze

Im Selbstversuch hat sich der Autor dieser Zeilen mit rund 20 anderen Motivierten am dortigen freien Lauftraining der sogenannten „Sportzone“ beteiligt. Nach dem Aufwärmen, was ihm bei 30°C und 80% Luftfeuchte nicht so sehr notwendig vorkam, ging es im gestreckten Galopp für 25 Minuten durch den Auenwald. Anschliessend folgte noch ein mörderisches halbstündiges Konditionstraining, was nur mit Glück und 2 l Wasser überlebt wurde. Er wird es morgen wieder tun…- Sollten weitere Artikel aus Warschau ausbleiben, weiss der geneigte Leser über die Hintergründe 😉

Wie kommt man mit öffentlichen Verkehr zum Temat Rzeka?

Haltestelle Rondo Waszyngtona (500 m)
Tram Nr: 7, 8, 9, 22, 24, 25
Autobus Nr: 102, 111, 117, 123, 138, 146, 147, 158, 166, 507, 509, 517, 521,
N02, N22, N24, N72

Wassertaxi von der gegenüberliegenden Weichselseite.

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

Schreibe einen Kommentar