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Die Architekten der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit

Das Jahr 2018 ist ein Meilenstein in der polnischen Geschichte, denn vor 100 Jahren erlangte Polen nach 123 Jahren wieder seine Unabhängigkeit. Das ganze Jahr über fanden und finden Feierlichkeiten statt – doch der 11. November ist das offizielle Datum der Hundertjahrfeier. So war an diesem strahlend sonnigen Tag ganz Polen auf den Beinen, um dieses besondere Ereignis zu würdigen.

Im Zuge dieses besonderen Ereignisses haben wir bereits den Artikel  „Wichtige Persönlichkeiten in der polnischen Geschichte“ verfasst. Wir haben dort bereits angekündigt, dass ein weiterer Artikel folgen wird. Versprechen soll man halten, also schreiben wir nun einen Artikel über Personen, die sich besonders um die Wiedererlangung der Unabhängigkeit verdient gemacht haben.

Es sind Personen, die sich politisch untereinander bekämpft und gegensätzliche, bisweilen kontroverse Vorstellungen eines freien Polens hatten. Dennoch kämpften sie auf ihre Art für ein freies, unabhängiges Polen.

 

Roman Dmowski (1864 – 1939)

Bereits in seiner Studentenzeit an der Universität Warschau engagierte er sich politisch und war erst Mitglied der Polnischen Liga (Liga Polska), aus der er später die Nationale Liga (Liga Narodowa) gründete. Die Ziele dieser nationalistisch geprägten Vereinigung, waren die Schaffung eines homogenen polnischen Staates. Sowohl nationale Minderheiten in einem zukünftigen polnischen Staat als auch der russische Einfluss wurden als Gefahr angesehen.
Dmowski selbst, bisweilen als Begründer des polnischen Nationalismus bezeichnet, teilte paradoxer Weise die ablehnende Haltung gegen Russland nicht. Er sprach sich sogar offen für die panslawistische Idee unter Führung Russlands aus, in der Hoffnung ehemals polnische Gebiete im Westen zurückzugewinnen. Hinter dieser paradoxen Haltung verbarg sich jedoch kühles, politisches Kalkül.
Dmowski ging davon aus, dass Russland die schwächte der drei Teilungsmächte sei. Er hoffte mit der Hilfe Russlands erst die anderen Teilungsmächte Preußen und Österreich-Ungarn in die Schranken zu weisen. Anschließend sollte gegen Russland ein souveräner polnischer Staat leichter durchgesetzt werden.
Weiterhin lehnte er den bewaffneten Aufstandsgedanken ab, da dieser gegen drei Teilungsmächte (ohne dass sie sich gegenseitig „ausbluten“ s.o.) aussichtslos sei. Er lehnte außerdem den Sozialismus ab.

Aufgrund seiner prorussischen Haltung kam es zum Bruch in der Nationalen Liga, sodass Dmowski Anfang des 20. Jahrhunderts die Nationaldemokratische Partei (Stronnictwo Narodowo-Demokratyczne – „Endecja“) gründete. Mit dieser Partei sollte er zum schärfsten Widersacher Pilsudskis werden.

Während des Ersten Weltkriegs engagierte er sich in Frankreich an der Aufstellung der zukünftigen polnischen Armee und nahm Verhandlungen zur Schaffung der Unabhängigkeit Polens auf. Sein größter politischer Erfolg war, als er zusammen mit Ignacy Paderewski an den Verhandlungen zum Versailler Vertrag teilnahm und großen Einfluss hatte, dass Polen seine Unabhängigkeit tatsächlich erlangte.
Dennoch muss man an dieser Stelle auch die Schattenseiten Dmowskis Politik erwähnen. Seine politischen Ansichten waren stark nationalistisch geprägt. Im Polen gemäß seiner Vorstellungen, hatten nationale Minderheiten wenig bis gar keinen Platz.  Manche Minderheiten, z.B. die Juden sah er als die Ursache für den Untergang der Adelsrepublik Polen an.

 

Wojciech Korfanty (1873 – 1939)

Wojciech Korfantny engagierte sich schon zur Schulzeit in propolnischen Organisationen, was ihm Repressionen von preußischer Seite einbrachte.
Seine politischen Ansichten deckten sich mit denen von Roman Dmowski, sodass er bereits 1901 Dmowskis Nationaldemokratischer Partei beitrat. Parallel dazu war er aber auch Abgeordneter der Deutschen Zentrumspartei im Preußischen Landtag. Er engagierte sich besonders für die polnischstämmige Bevölkerung  in Schlesien. So plädierte er kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges in seiner Reichstagsrede für den Anschluss deutscher Ostgebiete an Polen. Hierbei meinte er nicht nur die historischen Grenzen vor den Teilungen Polen, sondern die „von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete“.
Als Polen seine Unabhängigkeit erlangte, reiste er nach Poznań, um von dort den Anschluss Oberschlesiens an Polen zu koordinieren. Er war Mitorganisator bzw. Anführer der drei Oberschlesischen Aufstände, die allerdings von deutschen Freikorps niedergeschlagen wurden. Nichtsdestotrotz haben seine Bemühungen und sein Wille dazu geführt, dass Oberschlesien zu Gunsten Polens geteilt wurde, da der wirtschaftlich attraktivere Teil Polen zugesprochen bekam.

Ähnlich wie Dmowski war auch Korfantny ein Gegner Pilsudskis, dessen Ziel ein Polen in der Tradition der untergegangenen Adelsrepublik zu schaffen, er ablehnte.

Für seine Taten wird Korfantny in Polen und Deutschland unterschiedlich betrachtet. In Deutschland hat er das Bild eines Freischärlers und eines polnischen Nationalisten. In Polen und ganz besonders in Oberschlesien gilt er als Held und Protagonist der schlesischen Autonomie.  Er wurde in einer von der Gazeta Wyborcza durchgeführten Umfrage im Jahr 2000 zum wichtigsten Schlesier des 20. Jahrhunderts gewählt http://katowice.wyborcza.pl/katowice/1,35063,13414447,17_02_2000__Wybralismy_najwybitniejszych_Slazakow.html

 

Ignacy Jan Paderewski  (1860 – 1941)

Im Gegensatz zu den anderen hier beschriebenen Personen, war Paderewski in seinen jungen Jahren wenig politisch aktiv.
Sein Talent und seine Neigungen lebte er in der Musik aus. Er war ein begabter Klavierspieler dessen erstes Konzert 1888 in Paris der Türöffner für eine große Musikerkarriere werden sollte. Es folgten Auftritte in fast allen europäischen Ländern, in Amerika und Australien.

Seine ersten kleinen Schritte auf politischer Ebene machte er 1910, als er in Krakau das Denkmal zur Schlacht von Grunwald enthüllte.  Während des Ersten Weltkriegs wurde er zur treibenden Kraft, um die politischen Eliten anderer Länder von einem unabhängigen Polen zu überzeugen. Hierbei halfen ihm seine große Popularität als Musiker und seine guten Beziehungen bis in die höchsten politischen Kreise. So ist es Paderewski zu verdanken, dass der damalige US-Präsident Wilson in seinem 14-Punkte-Plan zur Neuordnung Europas, die Wiedererlangung eines unabhängigen Polens als 13.Punkt aufgenommen hat. Im 13. Punkt wird eben die Schaffung eines “unabhängigen polnischen Staates, der alle Gebiete einzubegreifen hätte, die von unbestritten polnischer Bevölkerung bewohnt sind”, gefordert. Zudem  “sollte ein freier und sicherer Zugang zur See geöffnet werden”.

Paderewskis Besuch Ende 1918 in Poznań führte in der ohnehin aufgeheizten Stimmung zum Großpolnischen Aufstand, übrigens einen der ganz wenigen erfolgreichen Aufstände in der polnischen Geschichte.
Aufgrund seiner enormen Popularität aber auch seines sozialen Engagements war es letztendlich nur logisch, dass er neben Dmowski an den Verhandlungen des Versailler Vertrags teilnahm und diesen unterzeichnete.
Paderewski hat sich selbst nie eindeutig politisch bekannt – weder nach rechts noch nach links. Er galt als Mensch der politischen Mitte, dem besonders die Demokratie sowie eine prowestliche Ausrichtung Polens am Herzen lagen. Aufgrund seiner weltweiten Popularität und seiner Beziehungen, nahm Józef Piłsudski ihn in die Regierung auf und ernannte ihn zum Premier und Außenminister. Paderewski sollte – so die Hoffnung Piłsudskis – als ausgleichender Faktor zwischen den verschiedenen und rivalisierenden politischen Blöcken helfen. Doch schon bald sollte Paderewski das „Haifischbecken“ Politik zu spüren bekommen. Bald sah er sich heftigen Angriffen konservativer Kreise ausgesetzt, als er beispielsweise einen Vertrag zum Schutz nationaler Minderheiten in Polen unterzeichnete. Bereits im Dezember 1919 dankte er freiwillig ab, emigrierte in die Schweiz und zog sich weitestgehend aus der Politik zurück.

 

Józef Klemens Piłsudski  (1867 – 1935)

Piłsudski wuchs in der Nähe von Vilnius auf und entstammte einer alten, verarmten Adelsfamilie, in der die Erinnerungen an das alte Polen vor den Teilungen wachgehalten wurden. Diese Ansichten sollten seine politische Orientierung und Zukunft prägen, aber anders als beispielsweise bei seinem ärgsten Widersacher Roman Dmowski.

Seine politischen Ansichten basierten auf dem Sozialismus, allerdings bedeutete das nicht, dass er auf eine eventuelle Kooperation mit Russland setzte.

Im Gegenteil: Aufgrund seiner Herkunft war er der Überzeugung, dass eine Wiedererlangung eines unabhängigen Polens nur über den bewaffneten Kampf gegen die Teilungsmächte (vor allem Russland) möglich ist. Hierbei hoffte er zusammen mit anderen unterjochten Völkern (z.B. Litauen) sich die Freiheit zu erkämpfen. Er war unter Anderem am Attentatsversuch auf den russischen Zaren beteiligt und gründete die Polnische Sozialistische Partei (PPS). In dieser Partei entstanden zahlreiche Kampfgruppen, die Sabotageakte im russischen Zarenreich verübten.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, stellte er eine Polnische Legion auf, die an der Seite Österreich-Ungarns gegen Russland kämpfte. Er kooperierte mit den Mittelmächten gegen Russland und forderte/hoffte auf ein unabhängiges Polen. Doch mehr als vage Versprechungen bekam er nicht.
Das führte wiederum zu Eidkrise, als die polnischen Truppen den Eid auf Kaiser Wilhelm II verweigerten. Piłsudski wurde in Magdeburg interniert. Als der Krieg zu Ende ist, kehrte Piłsudski nach Polen zurück und wurde zum Oberbefehlshaber der Armee und Staatschef.  Doch schon bald war die Unabhängigkeit Polens bedroht, als die Bolschewisten die Losung ausgaben: „der Weg zur Weltrevolution führe nur über die Leiche Polens“. Der Polnisch-Sowjetische Krieg bricht aus. Zunächst wurde die polnische Armee nach Anfangserfolgen zurückgedrängt. Vor Warschau kam es zur Entscheidungsschlacht, in der Polen siegte und somit Europa vor den Klauen des Bolschewismus bewahrte.

Den äußeren Krieg hatte Polen überstanden, aber der innere (politische) Krieg ging leider weiter. Das führte auch dazu, dass Piłsudski sich 1923 zumindest vorrübergehend aus der Politik zurückzog.

 

Unterschiedliche Ansichten – ein Ziel

Zweifellos ist Józef Piłsudski DIE Person, mit der die Wiedererlangung der Unabhängigkeit Polens assoziiert wird. Allerdings sollte und darf die Wiedererlangung der Unabhängigkeit nicht auf eine Person beschränkt werden.  Jeder von Ihnen hatte zwar bisweilen gegensätzliche und kontroverse Vorstellungen eines zukünftigen Polens und jeder blieb seinen Prinzipien treu. Der eine kämpfte militärisch und der andere setzte auf Diplomatie und beides führte letztendlich dazu, dass Polen wieder unabhängig wurde.
Seine politischen Ziele konnte keiner von ihnen komplett verwirklichen. Piłsudskis Ziel, die Schaffung eines Polen in der Tradition der untergegangenen Adelsrepublik, mit Verbündeten in Litauen, Weißrussland, der Ukraine und Rumänien, auf Kosten Russlands, ging nicht auf. Bisweilen wird Piłsudskis Handeln nach dem Maiputsch 1926 als sehr kritisch betrachtet, da er faktisch ein autoritäres Regime schuf, sodass hier große Schatten auf seine Verdienste fallen. Er konnte zwar Bündnisse mit Frankreich eingehen sowie Nichtangriffspakte mit Russland und Deutschland schließen, doch die Zeit sollte zeigen, dass Verträge nicht das Papier wert waren, auf welchem sie geschrieben wurden.

Schaut man sich das Polen zwischen den Weltkriegen an, so scheint sich Dmowskis Idee eher durchgesetzt zu haben, wenngleich er selbst im Machtkampf gegen Piłsudski unterlag. Die Tatsache, dass hierbei die Minderheiten bisweilen mit “Füßen getreten” wurden, sollte sich für die Entwicklung des Polens zwischen den Weltkriegen als nachteilig erweisen. Meiner Meinung nach verdient besonders Ignacy Paderewski einen Sonderplatz im Drängen um die Unabhängigkeit. Eben er hatte die Idee eines für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Polens, nur leider konnte er sich damit nicht durchsetzen. Seine diplomatischen Verdienste sind  hierbei von  unschätzbarem Wert. Allerdings sah er sich ständigen Angriffen von Rechts und Links ausgesetzt, sodass er sich entnervt  aus der Politik weitgehend zurückzog.

Christian wurde 1982 in Polen geboren und siedelte zusammen mit seinen Eltern 1989 nach Deutschland über. Als studierter Übersetzer ist er sowohl in den beiden Sprachen als auch in beiden Kulturen heimisch. Besonders interessiert er sich für folgende Themen: Geschichte, Politik, Sport.

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