“Die vier Schlafenden” – Streit um ein Warschauer Denkmal

“Die vier Schlafenden” (Autor: Cezary Piwowarski)

Der Plac Wileński (Wilnaer Platz), wo die Aleja Solidarności auf die Targowa-Strasse trifft und sich der Dworzec Wileński (Wilnaer Bahnhof) befindet, ist eine der großen Kreuzungen in Praga, dem rechts der Weichsel gelegenen Teil Warschaus. Zur Zeit ist der Platz auch eine der größten Baustellen in der polnischen Hauptstadt, denn hier wird die gerade im Bau befindliche zweite Metro-Linie entlang führen. „Dworzec Wileński” wird die zweite Station nach der Unterquerung der Weichsel werden.

In der Mitte der Kreuzung befand sich bis vor zwei Jahren das erste Denkmal, das im nahezu komplett vernichteten Warschau nach dem Krieg aufgestellt wurde. Im November 1945 wurde hier das Denkmal der Waffenbrüderschaft (Pomnik Braterstwa Broni) enthüllt, das die Soldaten der Roten Armee ehrt, die „ihr Leben für die Freiheit und Unabhängigkeit des polnischen Volkes gegeben haben“, wie die Inschrift besagt. Es stellt drei kämpfende und vier wachende Soldaten dar, weshalb es von den Warschauern auch „Denkmal der vier Schlafenden“ (Pomnik czterech śpiących) genannt wird.

Streit um den Standort des Denkmals

Im Zuge des Metro-Baus wurde es vorübergehend entfernt und eingelagert. Um seine Wiederaufstellung ist jetzt ein Streit entbrannt. Der Standort des Denkmals ist nicht zufällig gewählt. 1863, als es keinen polnischen Staat gab und Warschau zu Russland gehörte, wurde hier der Dworzec Petersburski (Petersburger Bahnhof) eingeweiht, der so bezeichnet wurde, da hier die Bahnlinie nach St. Petersburg begann. Die Umbenennung in Dworzec Wileński (Wilnaer Bahnhof)  erfolgte erst nach der Wiedererlangung der polnischen Unabhängigkeit 1919. Ab 1867 wurde hier außerdem die orthodoxe Maria Magdalena-Kirche errichtet, die die russische Herrschaft über Warschau bekräftigen sollte. Kam man aus St. Petersburg in Warschau an und trat aus dem Bahnhofsgebäude, fiel der Blick zuerst auf die Kuppeln der orthodoxen Kirche. Die Tradition, einen russisch geprägten Ort in Warschau zu schaffen sollte fortgesetzt werden, weshalb das erste unter kommunistischer Herrschaft errichtete Denkmal gerade hier aufgestellt wurde, um die polnisch-sowjetische Waffenbrüderschaft zu ehren.

Aufgrund dieser Symbolik und der jüngsten Geschichte – schließlich war die Rote Armee den Kämpfern des Warschauer Aufstands 1944 gerade nicht zur Hilfe gekommen, sondern hatte der Niederschlagung des Aufstands durch SS und Wehrmacht vom rechten Weichselufer aus zugeschaut – gab es seit 1989 mehrere Male Diskussionen über den Verbleib des Denkmals auf dem Platz. Zu einer Entfernung kam es jedoch nie – bis 2011, als das Denkmal den Bauarbeiten im Weg stand.  Jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob es an seinen Platz zurückkehren soll.  Einen an die Oberbürgermeisterin und den Stadtrat gerichteten Protestbrief gegen die geplante Wiederaufstellung haben im September 10.000 Warschauer unterschrieben. Initiatoren des Protestbriefs sind verschiedene Vereinigungen von Veteranen der Heimatarmee und die Stiftung Wolnośc i Demokracja (Freiheit und Demokratie). Auch Zbigniew Gluza, Vorsitzender des Zentrums “Karta“, das sich mit der Dokumentation der jüngsten polnischen Geschichte befasst, spricht sich gegen die Rückkehr des Denkmals aus. Wie auch Vertreter des Instituts für das Nationale Gedächtnis (IPN) propagiert er stattdessen die Aufstellung eines Denkmals  für Witold Pilecki auf dem Plac Wileński. Pilecki ließ sich freiwillig in das Konzentrationslager Auschwitz einschleusen, um Informationen darüber zu sammeln; er nahm 1944 am Warschauer Aufstand teil und wurde 1948 im kommunistischen Polen wegen Spionage zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Einen originellen Vorschlag für “die vier Schlafenden” hat das Online-Kunstportal www.sztuka.net. Das Denkmal solle entweder auf einem der sowjetischen Soldatenfriedhöfe aufgestellt werden oder in ein eigens für kommunistische Denkmäler geschaffenes Freilichtmuseum gebracht werden.

Jutta verbrachte zwei Semester ihres Politikstudiums in Warschau. Vier Jahre lang koordinierte sie außerdem im Museum des Warschauer Aufstands internationale Begegnungsprojekte. Dabei schaute sie den Kollegen im Stefan Starzynski Institut über die Schulter, die kulturelle Projekte rund um die dynamische Entwicklung Warschaus organisieren, um den Warschauern zu zeigen, in was für einer interessanten Stadt sie leben. Kein Wunder also, dass sie Warschau für die spannendste europäische Metropole hält! Nach einem weiteren kommunikationswissenschaftlichen Studium ist sie nun im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. Für Polen.pl schreibt sie seit 2012, natürlich am liebsten über die polnische Hauptstadt, außerdem über Erinnerungskultur in Deutschland und Polen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Mit Anna zusammen erstellt sie den Kalender „Co się dzieje“.

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