Ein Signal von Weltoffenheit und Toleranz ausgesendet

Szczecin (Stettin) feierte ein “Fest der Liebe”

Szczecin. (ASC) Die Hafenmetropole Szczecin (Stettin) hat am Samstag, den 14.09.2019, ein “Fest der Liebe” gefeiert: Das “Pride Festival 2019”. Schwule, Lesben, Transgender oder einfach nur Querdenkende waren die Zielgruppe des Veranstalters, der Szczeciner Lambda-Vereinigung. Diese hatte zum 2. Liebesfest eingeladen, um auf die Gleichbehandlung und Anerkennung von Menschen, die ein anderes Verständnis von Sexualität haben, aufmerksam zu machen. Keine leichte Aufgabe in einem nach wie vor sehr katholisch geprägten Land, in dem bei vielen relevanten Medien der Staat Einfluss zu nehmen scheint.

Buntes gemischtes Publikum. Foto: asc

Buntes, gemischtes Publikum. Foto: asc

So waren es beim ersten Festival im Jahr 2018 kaum mehr als 100 Teilnehmer*innen, die Veranstaltung wurde von Hooligans massiv gestört. Auch hatten Vertreter von Kirche und Politik seinerzeit dazu aufgerufen, dieser Gruppe von Menschen keine Plattform zu bieten.

In diesem Jahr hatten die Organisatoren über Social Media auch in Englisch und Deutsch zur Unterstützung aufgerufen. Dieser Aufruf verteilte sich wie ein Lauffeuer und so kamen am Samstag rund 500 Gleichgesinnte von deutscher Seite u.a auch Berlin und Potsdam zum Pride Festival. Doch auch aus Poznań (Posen) beispielsweise gab es von entsprechenden Gruppierungen die Unterstützung.

Der Bevollmächtigte des Landes Brandenburg für Internationale Beziehungen, Staatssekretär Thomas Kralinski, nahm ebenfalls teil. Er setzte politisch damit ein deutliches, wenn auch nicht unumstrittenes, Signal.

1.100 Polizisten begleiten rund 4.000 Pride Festival-Teilnehmer

Starkes Polizeiaufgebot. Foto: asc

Starkes Polizeiaufgebot. Foto: asc

Nach Angaben eines Polizeisprechers waren 1.100 Beamte im Dienst. Eine Hundertschaft aus Slawno verstärkte den Einsatz. Zwei Flugdrohnen und ein Kamerawagen, eine Spezialeinheit für Kidnapping und zusätzlich etwa 50 Kräfte der Straz Miejska (Ordnungsamt). Auch eine Hundestaffel und die berittene Polizei waren zugegen.

Eine “noch nie in dieser Stadt da gewesene Polizeipräsenz,” so ein Polizist gegenüber Polen.pl.

An einer Gegendemonstration vis-à-vis der Szczeciner Philharmonie nahmen etwa 50 Personen teil. Die Teilnehmerzahl blieb hinter den Erwartungen. Trotzdem murmelten viele – vor allem ältere – Menschen die vorbei kamen, sie würden Schwule und Lesben verachten. “Das hat Gott so nicht gewollt, diese Menschen sind unheilbar krank und ich bete für die,” sagte eine 76-jährige Rentnerin.

Deutsche Bahn leistet sich einen Fauxpas

Die Teilnehmer die nicht zur Afterparty wollten oder konnten, planten ursprünglich um 19.50 Uhr ihre Heimreise von Szczecin Główny (Stettin Hauptbahnhof) nach Berlin-Gesundbrunnen mit dem Regionalexpress RE66, der ohne Umstieg nach Berlin fährt. DB REGIO und VBB als die Verantwortlichen dieser Relation teilten kurz vor der Abfahrt mit, der Zug müsse wegen Personalmangel entfallen. Immerhin: Der letzte Zug um 21:10 Uhr sollte dann mit einem zusätzlichen Triebwagen verkehren.

Wer doch noch in Szczecin blieb, konnte die Nacht bei einer der zahlreichen Afterpartys zum Tag machen.

Ein Fazit

Medienpräsenz sogar aus England, China – und Deutschland sowieso – zeugte vom Interesse der Entwicklungen in Richtung Gleichberechtigung und mehr Akzeptanz andersdenkender Menschen. Aus Szczecin ist an diesem Tag ein klares und friedliches Signal für Toleranz und Offenheit in die Welt gesendet worden. Das dürften auch die katholische Kirche und die konservative Politik zur Kenntnis nehmen.

Bildergalerie Pride Festival Szczecin (bei Google Photos):

) Fotostrecke öffnet mit einem

Google Photos öffnet per Klick auf das Foto – alle Bilder ©Andreas Schwarze (asc) für Polen.pl

 

Andreas stammt gebürtig aus Berlin-Pankow. Er lebt seit seiner Kindheit im Amtsbereich Gartz (Oder) - unmittelbar an der deutsch-polnischen Staatsgrenze. Er ist lange Zeit verantwortlicher Redakteur der Lokalausgabe Uckermark einer Wochenzeitung gewesen. Betreibt einen regionalen News-Blog, ist Fotoartist und kennt Szczecin und das polnische Umland wie seine Hosentasche. Seine Tochter Patrycja wächst zweisprachig auf.

2 Kommentare

  • Helmut

    16. September 2019 bei 9:43

    Wunderschöne Aufnahmen und ein so schöner Bericht daß ich begeistert bin. Ich bin Helmut aus dem Zug- da haben wir geredet.
    Andreas du hast die Visitenkarte gegeben und ich haben allen in Berlin von dir als wunderbaren Menschen von der Presse berichtet. Danke für das heitere Gespräch in der Bahn und das du uns sogar gesagt hast das der Zug ausfällt ist nett gewesen. Wir waren noch bis Sontag geblieben..Stettin ist wunderschön und nachts waren wir im Klub. Wir kommen wieder nach Stettin. Mit LGBTQI und küsschen grüßen wir dich und alle die hier die Polenredaktin machen. Peace von Voices4Berlin uns.

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  • Susanne John

    15. September 2019 bei 7:29

    Die Redaktion wagt sich auch an schwierige Themen… Gut so.
    Stettin ist wirklich eine der moderneren Städte in Polen. Vermutlich deswegen hatte diese Parade dort die Akzeptanz, wobei ich die Vermutung anstellen möchte das ohne die Unterstützer aus Deutschland und halb so viele Teilnehmer dort gewesen wären.
    Es fällt auf daß kaum “Zaungäste” den Umzug säumen! Die Alten und die Kirche und die derzeitige Regierung werden in Polen derartige Weltanschauung nicht unterstützen!

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