Erinnerungskultur an westdeutschen Autobahnen

Rastplatz Kolberg an der A2, Foto: Claudia Pinl

Auf “Stettin”, “Kolberg” und “Allenstein” weisen Hinweisschilder an der Autobahn A2 in Nordrhein-Westfalen hin. „Landsberg an der Warthe – 5 Kilometer“ kann man auf einem Schild an der A3 in Hessen lesen. Handelt es sich um Ausfahrten? Nein, erst auf den zweiten Blick sieht man, dass es sich um Hinweisschilder auf Rast- bzw. Parkplätze handelt. Die Städte, nach denen diese benannt wurden, liegen heute in Polen und heißen auf Polnisch Szczecin, Kołobrzeg, Olsztyn und Gorzów Wielkopolski.

Doch wie kommt es dazu, dass Rastplätze in Nordrhein-Westfalen und Hessen nach diesen Städten benannt wurden? Die Journalistin und Buchautorin Claudia Pinl fuhr jahrzehntelang an dem Schild “Landsberg an der Warthe”, dem heutigen Gorzów Wielkopolski, vorbei und begann vor einigen Jahren, der Ursache nachzugehen. In ihrem Artikel Warthe im Westerwald kann man die Ergebnisse ihrer Recherche nachlesen.

Die Ursache für das Aufstellen der Hinweisschilder ist in der Erinnerungskultur der jungen Bundesrepublik zu suchen; denn die Benennung westdeutscher Autobahnrastplätze nach in den ehemaligen deutschen Ostgebieten gelegenen Städten geht auf Hans-Christoph Seebohm zurück, der von 1949-1966 erster Bundesverkehrsminister war. Gleichzeitig fungierte er auch als Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, war also auch Vertriebenenfunktionär. Er nutzte sein Ministeramt nicht nur zum Betreiben von Verkehrs-, sondern auch von Geschichtspolitik. Im Jahr 1964 wies er die Bundesländer an, in jedem von ihnen drei Rastplätze nach „ostdeutschen Städten“ zu benennen und dafür zusammen mit den jeweiligen Landesverbänden des Bundes der Vertriebenen Städtenamen auszuwählen. Insbesondere Nordrhein-Westfalen kam dieser Aufforderung nach und schuf an der Autobahn A2 die Rastplätze „Stettin“, „Kolberg“ und „Allenstein“ sowie „Königsberg“. An der A3 entstand zudem der Rastplatz „Tilsit“. Die beiden zuletzt genannten Städte liegen heute im russischen Oblast Kaliningrad und heissen Kaliningrad bzw. Sowetsk.

Die Benennung von Autobahnrastplätzen und die damit verbundenen Hinweisschilder sind im öffentlichen Raum sicherlich das ungewöhnlichste Zeugnis der Erinnerung an die ehemaligen deutschen Ostgebiete Hinterpommern, Schlesien und Ostpreussen. Es handelt sich aber nur um einen kleinen Teil einer ausgeprägten Erinnerungskultur zu Flucht und Vertreibung.

Nahezu jede westdeutsche Großstadt hat einen nach dem Krieg entstandenen Stadtteil, in dem die Straßen nach Städten benannt sind, die heute in Polen, Tschechien oder der russischen Exklave Kaliningrad liegen. In Karlsruhe beispielsweise gibt es die ab 1957 erbaute Waldstadt, deren Straßen die Namen von ostpreußischen und nieder- und oberschlesischen Städten tragen. So fährt man dort z. B. über die Elbinger, Glatzer, Glogauer, Lycker, Beuthener und Waldenburger Straße. Außerdem sind oft zentrale Plätze nach solchen Städten benannt, wie z. B. der Stettiner Platz in Kiel und der Breslauer Platz in Köln. Während bei Straßennamen und Plätzen offensichtlich ist, dass es sich um einen Teil der Erinnerungskultur handelt, kann die Beschilderung an der Autobahn täuschen. Im ersten Moment meint man, auf die Ausfahrt in die betreffende Stadt zuzufahren. Ob es die Absicht des damaligen Verkehrsministers war, hier eine Illusion zu schaffen?

In Polen gibt es keine vergleichbare offizielle Erinnerungskultur, was damit zusammenhängt, dass die „Repatrianci“ (etwa „Rückkehrer“), wie die aus dem ehemaligen Ostpolen Vertriebenen im sozialistischen Nachkriegspolen offiziell genannt wurden, keine Lobby hatten und auch heute nicht als organisierte Gruppe in Erscheinung treten. Die Regierung der Volksrepublik hatte selbstverständlich kein Interesse daran, diese Bevölkerungsgruppe in den Mittelpunkt zu rücken, da damit auch die polnische Westverschiebung und die erheblichen Gebietsabtritte an die Sowjetunion hätten thematisiert werden müssen. Die Erinnerung an ehemals polnische Städte, zum Beispiel an Lwów (Lemberg), spielt sich eher im privaten Rahmen ab. Straßen und öffentliche Orte, die nach Städten im ehemaligen Ostpolen benannt sind,  wie z. B. in Warschau die ulica Lwowska, auf Deutsch Lemberger Straße oder der dworzec Wileński, der Wilnaer Bahnhof, hießen so auch schon vor 1939.

Die Autorin von Warthe im Westerwald hat übrigens versucht, Bundestagsabgeordnete für die „ostdeutschen“ Autobahnrastplätze zu interessieren, allerdings mit bescheidener Resonanz. Dabei wäre es sicher eine Überlegung wert, eine Erklärungstafel mit den Hintergründen der Benennung an den betroffenen Plätzen aufzustellen. Was bleibt also? Die kurze Irritation, wenn man auf der Autobahn fährt und „Landsberg an der Warthe – 5 Kilometer“ erblickt. Hans-Christoph Seebohm wäre mit seinem Erbe sicher zufrieden.

An der A2 liegen „Stettin“ (zwischen Hamm-Uentrop und Beckum), „Kolberg“ (zwischen Kamener Kreuz und Ausfahrt Bönen) und „Allenstein“ (zwischen Essen-Gladbeck und Gelsenkirchen-Buer); „Landsberg an der Warthe“ liegt an der A3 zwischen Ransbach-Baumbach und Dernbach.

Jutta verbrachte zwei Semester ihres Politikstudiums in Warschau. Vier Jahre lang koordinierte sie außerdem im Museum des Warschauer Aufstands internationale Begegnungsprojekte. Dabei schaute sie den Kollegen im Stefan Starzynski Institut über die Schulter, die kulturelle Projekte rund um die dynamische Entwicklung Warschaus organisieren, um den Warschauern zu zeigen, in was für einer interessanten Stadt sie leben. Kein Wunder also, dass sie Warschau für die spannendste europäische Metropole hält! Nach einem weiteren kommunikationswissenschaftlichen Studium ist sie nun im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. Für Polen.pl schreibt sie seit 2012, natürlich am liebsten über die polnische Hauptstadt, außerdem über Erinnerungskultur in Deutschland und Polen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Mit Anna zusammen erstellt sie den Kalender „Co się dzieje“.

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