Fassade des Polnischen Instituts Berlin in der Burgstraße, Foto: Jens Hansel/Polen.pl

Es sieht nur aus wie ein Staat. Über die Arbeitsweise polnischer öffentlicher Einrichtungen am Beispiel des Polnischen Instituts Berlin

Fassade des Polnischen Instituts Berlin in der Burgstraße, Foto: Jens Hansel/Polen.pl

Ein halbes Jahr lang leitete Hanna Radziejowska das Polnische Institut Berlin, im Januar 2018 wurde sie wieder abberufen. Auch ihre Vorgängerin, die langjährige und in Berlin sehr geschätzte Direktorin Katarzyna Wielga-Skolimowska, musste 2016 urplötzlich ihren Stuhl räumen – vor Ablauf ihres Vertrags.

In einem ausführlichen Interview mit dem Online-Magazin Kultura Liberalna erläutert Hanna Radziejowska die Hintergründe und die politischen Zusammenhänge. Doch nicht nur im Kontext der aktuellen politischen Lage ist das Interview interessant, es bietet darüber hinaus vertiefte Einblicke und eine profunde Analyse der Arbeitsweise und Arbeitsbedingungen in polnischen öffentlichen Einrichtungen – ganz unabhängig davon, wer gerade in Polen regiert. „Wir agieren in einer staatsähnlichen Realität“ bilanziert Hanna Radziejowska, und meint damit, dass sich hinter der Fassade einer öffentlichen Einrichtung keine funktionierende Bürokratie, aber oft Klientelismus und Intrigen verbergen. Ihre Analyse basiert nicht nur auf ihrer kurzen Amtszeit als Direktorin des Polnischen Instituts in Berlin, sondern auch auf ihren Stationen in zahlreichen Warschauer Kultureinrichtungen und Institutionen der Stadtverwaltung.

Ein Begriff fällt in dem Interview immer wieder: Das nur schwer ins Deutsche zu übertragende Wort „państwowiec“ (wortwörtlich „Staatsmann“). Wir haben Hanna Radziejowska deshalb gebeten, den Begriff für Polen.pl  zu erläutern.

Polen.pl: Wer oder was ist ein „państwowiec“?

Hanna Radziejowska: „Der Begriff „państwowiec“ existiert nicht im Deutschen. Er leitet sich ab von państwo, d.h. Staat und beschreibt Personen, die das Gemeinwohl im Rahmen eines korrekt funktionierenden demokratischen Staats gestalten möchten. Im Polnischen ist der Begriff urzędnik (Beamter) aus historischen Gründen negativ konnotiert: Über 200 Jahre lang verfügte Polen über keinen eigenen Staat (durch die Teilungen, die Besatzung, den Kommunismus) und Beamten waren in der Regel die Vertreter fremder Interessen oder fremder Staaten (darunter absolutistischer oder totalitärer). Ein „Państwowiec“ ist also jemand, der sich bemüht, Mechanismen und Institutionen aufzubauen, die dem Gemeinwohl dienen, dem polnischen Staat, unabhängig von Meinungen oder Parteizugehörigkeiten, und diese Mechanismen sollen nachhaltig funktionieren. In Deutschland ist es schwierig, diesen Begriff zu erklären, denn der deutsche Staat funktioniert gut. Aus demselben Grund ist es in Deutschland auch schwierig zu erläutern, wie viele Dinge in Polen seit Jahren nur aufgrund der Anstrengungen konkreter Personen gelingen und nicht, weil es ausgearbeitete und gut funktionierende staatliche Mechanismen gibt.“

Jutta Wiedmann (Polen.pl) hat das Interview ins Deutsche übersetzt und das Online-Magazin Kultura Liberalna, bei dem das Original im Juni erschienen ist, hat es auf seiner internationalen Seite veröffentlicht. Wir danken Hanna Radziejowska und Karolina Wigura (Kultura Liberalna) für die Zusammenarbeit. Hier geht es zum Interview auf deutsch, hier zum polnischen Original.

Jutta verbrachte zwei Semester ihres Politikstudiums in Warschau. Vier Jahre lang koordinierte sie außerdem im Museum des Warschauer Aufstands internationale Begegnungsprojekte. Dabei schaute sie den Kollegen im Stefan Starzynski Institut über die Schulter, die kulturelle Projekte rund um die dynamische Entwicklung Warschaus organisieren, um den Warschauern zu zeigen, in was für einer interessanten Stadt sie leben. Kein Wunder also, dass sie Warschau für die spannendste europäische Metropole hält! Nach einem weiteren kommunikationswissenschaftlichen Studium ist sie nun im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. Für Polen.pl schreibt sie seit 2012, natürlich am liebsten über die polnische Hauptstadt, außerdem über Erinnerungskultur in Deutschland und Polen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Mit Anna zusammen erstellt sie den Kalender „Co się dzieje“.

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