Buch Geschäftskultur Polen

Geschäftskultur kompakt: Polen – Ein interkultureller Führer

Buch Geschäftskultur Polen

(Bottmingen, HF) Die Intensität der Handelsbeziehungen zwischen Polen und Deutschland ist sehr hoch, allein auf polnischer Seite sind 40‘000 Unternehmen im bilateralen Wirtschaftsaustausch engagiert. Für das Land an der Weichsel ist Deutschland sowohl beim Import als auch beim Export der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Auch aus Sicht des deutschen Exportweltmeisters liegt Polen bei allen Abnehmer- und Lieferländern auf einem sehr hohen Rang.

Doch wie geht man im Geschäftsleben mit den Repräsentanten polnischer Firmen um, ohne dabei ins Fettnäpfchen zu treten? Nicht jeder weiß, dass man den polnischen Geschäftspartner mit seinem Titel oder seiner Funktion, nicht aber mit seinem Nachnamen anspricht oder dass dem gesprochenen Wort höhere Bedeutung zukommt als Protokollen und anderen schriftlichen Dokumenten.

Fettnäpfchen meiden

Eine erste Broschüre unter dem Titel „Knigge für deutsche Unternehmer in Polen“ veröffentlichte Ende der neunziger Jahre Krzysztof Wojciechowski vom Collegium Polonicum in Frankfurt an der Oder. Von der dortigen Industrie- und Handelskammer verlegt, sollte die Publikation den wirtschaftlichen Austausch zwischen dem Bundesland Brandenburg und den polnischen Nachbarn unterstützen.

Einen neuen aktuellen Anlauf nimmt nun die aus Polen stammende interkulturelle Trainerin Joanna Sell. Sie verfasste in der Reihe „Geschäftskultur kompakt“ den im Conbook-Verlag erschienenen Band “Polen”. Er richtet sich an deutschsprachige Leser in ganz Europa und will sie auf die wichtigsten Unterschiede in den kulturellen Standards vorbereiten. Er zeigt kulturelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Polen und Deutschland auf, sodass der gegenseitige Nutzen aus beiden Kulturen deutlich wird. Damit ist es nicht nur für Geschäftsleute, sondern eigentlich für jeden interessant, der mit Polen angemessen kommunizieren möchte.

Von angeblichen “Chaoten” und den “Unflexiblen”

Anhand von Beispielen zeigt Joanna Sell auf, dass es für ganz grundsätzliche Werte ein unterschiedliches Verständnis in beiden Kulturen gibt. Ein solches Beispiel ist der Umgang mit Zeit. Während im deutschsprachigen Raum ein sogenanntes monochrones Zeitverständnis vorherrscht, ist es in Polen ein polychrones. In Deutschland stehen daher die Ausprägungen wie Pünktlichkeit, Termineinhaltung, Effizienz und lineares Erledigen von Aufgaben sowie eine Orientierung an genauen Zeitplänen und Strukturen im Vordergrund. Aus polnischer Sicht könnte dieses Verständnis mit mangelhafter Flexibilität umschrieben werden.

In Polen wird nämlich eine hohe Flexibilität und Toleranz gegenüber dem Nichteinhalten von Terminen, ein Multitasking sowie die Orientierung eher an Prozessen als an Strukturen geschätzt. Damit könnten Polen aus deutscher Sicht als mangelhaft fokussiert eingeschätzt werden.

Anhand dieses Beispiels zeigt Joanna Sell auf, was passiert, wenn man bei sich selbst nur die positiven Ausprägungen eines Merkmals wahrnimmt und beim anderen ausschließlich die negative Seite sieht: Die Person aus dem deutschsprachigen Raum wird sich als sehr gut organisiert und effizient wahrnehmen und dem Geschäftspartner aus Polen eine mangelnde Fokussierung sowie eine chaotische Arbeitsweise vorwerfen, ohne jedoch die positiven Seiten seines Zeitverständnisses zu bemerken. Umgekehrt wird der polnische Manager behaupten, dass seine hohe Flexibilität ein Garant für eine hohe Effizienz ist, während er die fehlende Flexibilität auf der deutschsprachigen Seite kritisiert. Aber beide verlieren den alltäglichen Lebenskontext, die Erziehung und die kulturelle Verankerung aus den Augen.

Zwischen den Zeilen lesen

Weitere im Buch behandelte kulturelle Standards betreffen u.a. den Kommunikationsstil, der für Deutschsprachige viel “zwischen den Zeilen lesen” bedeutet, den Umgang mit Risiken, die Kurzzeitorientierung von Polen, den Kollektivismus der Individualisten, die Beziehungs- und die Statusorientierung.

Das Buch ist in zehn Kapitel unterteilt, die alle wesentlichen Bereiche des Geschäftslebens umfassen. Dazu gehören die Kontaktaufnahme, die Kommunikation, Meetings, Verhandlungen, die Zusammenarbeit und die Führung. Der Band enthält daneben Hinweise über das Verhalten bei Geschäftsessen und über Dresscodes, bietet wissenswerte allgemeine Informationen auch über Verweise auf die verlagseigene Erläuterungsseite im Internet und macht Angaben über gedruckte und Internet-Quellen zur interkulturellen Kommunikation. Ein mehrseitiges Stichwortverzeichnis schließt den 113-seitigen Band ab.

Entscheidungsstärke mit Weiblichkeit

Für den Rezensenten besonders interessant war die Charakterisierung polnischer Geschäftsfrauen; denn im polnischen Geschäftsleben trifft man auf sehr viele hochqualifizierte, selbstsicher agierende und starke Verhandlungspartnerinnen, die trotzdem betont weiblich auftreten.

Joanna Sell führt aus, dass sich viele Frauen im deutschsprachigen Raum an der Männerwelt orientieren und mit ihrer Kleidung und ihrem Verhalten ihre Auffassung der Gleichberechtigung signalisieren. Diese Anpassung würde in Polen jedoch sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern zu Verlegenheit führen: Von einer Geschäftsfrau in Polen wird erwartet, dass sie “Frau bleibt” und ihre Entscheidungsstärke mit Weiblichkeit vermittelt.

Es ist diesem kompakt geschriebenen Büchlein zu wünschen, dass es schnell weitere Verbreitung findet; denn das Wissen um die kulturellen Unterschiede und die Beachtung der Hinweise darauf, wie Deutschsprachige die meisten Fettnäpfchen vermeiden, könnte im wahrsten Sinne viel zur Völkerverständigung beitragen.

Joanna Sell: Geschäftskultur kompakt: Polen. Conbook Medien GmbH, Meerbusch 2013
ISBN 978-3-943176-49-0
€ 11,95 [D], € 12,30 [A], sFr 17,90* [CH]

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

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