Das Jahrbuch Polen 2016. Minderheiten; Quelle: Homepage des Deutschen-Polen-Instituts

Jahrbuch Polen 2016 – Minderheiten

Das Deutsche Polen-Institut widmet sein diesjähriges Jahrbuch dem Thema Minderheiten. Dies ist gerade vor dem Hintergrund der Weigerung Polens zur Aufnahme von Flüchtlingen und dem Anheizen von Verlustängsten der eigenen Nationalkultur hochaktuell und greift damit gegenwärtige gesellschaftliche Diskussionen in Polen auf. Dabei lassen sich neben wissenschaftlichen Aufsätzen auch wieder populärwissenschaftliche Beiträge und Literarisches finden, die das Jahrbuch abrunden.

 

Minderheiten in Polen allgemein

Den ersten Schwerpunkt des Jahrbuches bildet ein Plädoyer für die Wiederentdeckung der durch viele Kulturen erfolgten Beeinflussung der Historie Polens, welche das Land vor allem in der Zwischenkriegszeit prägte. Hans-Jürgen Bömelburg widmet seinen Beitrag dem multikulturellen Erbe Polens und verweist auf das Vorkriegspolen als das „eindrucksvollste europäische Beispiel für einen historischen multiethnischen und multikulturellen Staat“ (7). Er stellt sich die Frage, ob das heutige Polen an diesen Teil seiner Geschichte anknüpfen kann und legt dar, warum das Erbe der Rzeczpospolita so schwer wiederzubeleben ist. Dabei greift er argumentativ Verstrickungen der heutigen polnischen Bevölkerung mit dem sozialistischen Erbe ihres Landes auf und argumentiert auf der Basis von „Überfremdungs- und Verratsdiskurse[n]“ (16).

Dieser erste Schwerpunkt wird mit einem Überblick über juristische und politische Voraussetzungen der gegenwärtigen ethnischen und nationalen Minderheiten in Polen als auch zu deren Rechten und Arbeitsorganen ergänzt. Andrzej Kaluza und Peter Oliver Loew stellen in ihrem Aufsatz eine kurze Historie der Entwicklung der Minderheiten sowie ihre Siedlungsgebiete mit Zahlen und Fakten vor.

 

Minderheitengruppen im Fokus

Der vorliegende Band gibt vor allem Einblick in die spezifische Situation einzelner Minderheiten oder regionaler Bewegungen in Polen, was auch den Hauptteil des Jahrbuches darstellt. Den Lesern werden damit spannende Einblicke in unterschiedliche Mikrowelten geboten.

Marcin Wiatr arbeitet überblicksartig die Institutionalisierung der deutschen Minderheit in Polen auf und stellt insbesondere den Ansehenswandel der Minderheit sowohl in der polnischen Bevölkerung als auch im Zusammenhang mit dem deutsch-polnischen Verhältnis heraus. Während anfänglich noch vom „Freund-Feind-Denken“ (63) die Rede ist, was der Autor mit mangelndem Kontakt zu einer pluralistischen Gesellschaft begründet, so gelingt der deutschen Minderheit später das Anknüpfen an die polnische Mehrheitsgesellschaft. Marcin Wiatr betont die regionale Identifikation als Oberschlesier und stellt heraus, dass eine „eindeutig nationale oder kulturell-ethnische Komponente, die eine scharfe Abgrenzung von der Mehrheit ermöglicht hätte, nicht wirklich vorlag“ (63). Vielmehr sieht der Autor die Minderheit als Akteur, die sich für die Multiethnizität dieser Region einsetzt, an die regionale Geschichte anknüpft und dadurch „Impulse“ (68) gibt. Es wird aber nur die in der Woiwodschaft Oberschlesien lebende deutsche Minderheit behandelt, so dass der Eindruck entsteht, es gäbe sie nur hier. Wünschenswert wäre ein Verweis auf Ermland-Masuren und die Woiwodschaft Schlesien gewesen, wo es auch deutsche Minderheiten gibt, wenngleich sie dort nicht in geschlossenen Siedlungsgebieten leben und von Oppeln abweichende strukturelle Voraussetzungen haben.

Zbigniew Kadłubek widmet sich der seit Jahren immer stärker werdenden Forderung nach Etablierung einer oberschlesischen Minderheit. Ihm zufolge resultiert „die oberschlesische Identität […] sowohl aus geschichtlicher Kontinuität als auch aus einer eigenartigen Rekonstruktion, die eine gewisse Distanz zur Geschichte pflegt“ (86). Heute bedarf es einer Reflexion der Oberschlesier über ihre eigene Geschichte. Die Forderung nach Anerkennung als ethnische Minderheit gründet auf die Rolle als „Vermittler zwischen den beiden großen Völkern“ (88). Besonders enthusiastisch betont Kadłubek das Engagement für die Anerkennung als ethnische Minderheit im Parlament und greift die Rolle anderer Minderheiten auf.

„Die Juden in Polen leben auf einem Friedhof. Und auf der Asche […] errichten sie ihre eigene, neue Identität“ (95), so beginnt Irena Wiszniewska die Schilderung des heutigen jüdischen Lebens in Polen. Diese sei durch die Wiederentdeckung des Glaubens in den 1980er Jahren zurückgekehrt und agierte zunächst im Verborgenen, sodass es heute ca. 8.000-12.000 Juden in Polen gibt. Der Wunsch, sich auf die Suche nach „verschütteten Wurzeln“ (98) zu begeben sei gerade heute unter jungen Menschen besonders groß. So gibt sie spannende Einblicke in gegenwärtige Wandlungsprozesse einer kleinen Minderheit.

Die Geschichte Polens und der Ukraine verlief unterschiedlich, da Polen in seiner Geschichte zu einem „mächtigen Königreich“ (125) heranwuchs, während die „Ukraine des Kiewer Reiches in Machtlosigkeit […]“ (125) versank. So wortgewaltig und antagonistisch wird die Geschichte beider Länder eingeleitet und auf die heutigen wissenschaftlichen Bemühungen verwiesen, die Forschungslücken in der ukrainischen Vorkriegszeit aufzuarbeiten und zu schließen. Dezidiert wird auf die Zeit zwischen 1920 und 1945 und die gegenseitige Beeinflussung und Abhängigkeit beider Staaten im wechselseitigen Verständnis eingegangen. Weiterführende Perspektiven für die heutige Zeit sind mit dieser historischen Sicht leider nicht zu finden.

Sokrat Janowicz beleuchtet die heutige weißrussische Minderheit in Polen vor allem mit Blick auf den derzeitigen gesellschaftlichen Wandel dieser Minderheit und ihre zunehmende kulturelle Distanz von ihrem Nationalstaat Weißrussland. Diese Minderheit wohnt zunehmend in den Städten, akademisiert sich, entwickelt ihre Kunst und Literatur weiter und steht damit im Gegensatz zum weißrussischen Staatswesen, welches, laut Autor, „ein Relikt des einstigen Sowjetvolks“ (141) darstellt. So gelingt es Sokrat Janowicz erkenntnisreiche Einblicke in das Spannungsfeld einer Bevölkerungsgruppe Polens zwischen der Orientierung an einem Staat mit dem Drang in Richtung Russland einerseits und der kulturellen Verortung in Europa andererseits zu geben.

 

Polonia und Minderheiten jenseits nationalstaatlicher Definitionen

Neben dem Einnehmen einer Innenperspektive wird der Blick auch auf die Außenperspektive, also auf die Polonia in den Nachbarstaaten, gelenkt (Andriy Korniychuk u. a.). Dabei werden die zahlenmäßige Stärke und die politischen Grundlagen der Polonia in den jeweiligen Ländern skizziert. Des Weiteren gewinnt der Leser einen guten Eindruck von den derzeitigen Arbeitszielen der jeweiligen Polonia.

Den Minderheiten jenseits enger nationalstaatlicher Definitionen widmen sich Joanna Erbel mit einem Beitrag zur Kunst in Warschau und Maciej Gdula zur freiheitlichen Bewegung in Polen. In beiden Fällen weisen die Autoren darauf hin, dass Projekte und Bewegungen gegen die öffentliche Ordnung in Polen eher als skandalöse Ausnahme denn als Regel zu werten sind. Minderheiten sind dabei als gesellschaftliche Gruppen zu verstehen, die unsichtbare Teile der Gesellschaft stellen, weil sie nicht unter die politische Definition von Minderheiten fallen. Dabei durchlaufen sie ebenso Transformationsprozesse, wie es sich am Bereich der sozialen Bewegungen in Polen aufzeigen lässt.

 

Fazit

Das diesjährige Jahrbuch pointiert an verschiedenen Stellen das schillernde Konzept von Minderheiten und gibt Denkanstöße, darüber vielfältig nachzudenken. Die Thematik Minderheiten reicht dabei weit zurück in die lange Geschichte des 20. Jahrhundert und wirkt in ihr bis heute nach. Die gegenwärtigen politischen Prozesse in Polen, die auch die Angst vor Überfremdung durch Flüchtlinge oder die Angst vor dem Islam beinhalten, sind insbesondere vor dem Hintergrund dieser abwechslungsreichen und vor allem multikulturellen Geschichte Polens, die das Land zu dem machte und es bis heute mitprägt, was es ist, schwer nachzuvollziehen. Gerade vor den gegenwärtigen politischen Entscheidungen Polens wäre ein Blick in die eigene Geschichte durchaus lohnenswert und erkenntnisreich, wie das Jahrbuch eindrucksvoll auf unterschiedlichste Art und Weise demonstriert.

 

Jahrbuch Polen 2016 – Minderheiten. Band 26

Herausgeber: Deutsches Polen-Institut, Darmstadt

Verlag Harrassowitz Verlag Wiesbaden Erscheinungsdatum 2016, 236 Seiten

ISBN 978-3-447-10557-6

Preis 11,90 €

Katharina studierte in Kiel und Valencia Europäische Ethnologie, Klassische Archäologie und Volkswirtschaftslehre. Am Ende ihres Studiums fing sie an, sich für Polen zu interessieren und Polnisch zu lernen. Nach dem Studium nahm sie für einige Monate eine Stelle an der Universität Posen an und verliebte sich endgültig in das Land. Sie schrieb sogar ihre Dissertation über die deutsche Minderheit in Polen und darf daher immer wieder nach Polen zurückkehren. Somit ist sie mit Polen mittlerweile fest verbunden und möchte diese Leidenschaft mit anderen teilen.

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