Die Nalewkistrasse Ecke Franciszkanska

Die Nalewkistrasse Ecke Franciszkanska

Moje Nalewki – In der Synagoge im jüdischen Warschau um 1900 (Teil 3)

Die nachfolgenden Abschnitte sind ein weiterer Teil meiner Übersetzung des 1959 erschienenen Buchs „Moje Nalewki“, in dem sich der Autor Bernard Singer an seine Jugendzeit an der Wende zum Zwanzigsten Jahrhundert im Warschauer jüdischen Stadtteil Muranów erinnert. Der erste Teil der Übersetzung befindet sich hier , der zweite ist hier.

„… Nach dem Abbruch der Beziehungen zu meinem älteren Onkel hörte ich auf, in die Synagoge in der Franciszkańskastraße zu gehen.

Ich hatte verschiedene Synagogen in unserer Umgebung zur Auswahl. Am besten gefiel mir die chassidische kleine Synagoge, bekannt als gerer sztybl, in welcher chassidische Zaddiks aus Góra Kalwaria beteten. Hier gab es keine Kontrolle der Betenden; niemand fragte mich, woher ich komme. Es herrschte Inbrunst. Jeder Gottesdienst war anstrengende Gymnastik: schnelles Nicken in verschiedene Richtungen mit Verbeugung, Aufspringen, Flüstern oder plötzlich lauthals ausgestoßene Schreie.

Die Betenden sprachen in der Pause über Politik. In der Nachbarschaft befand sich die Synagoge litauischer nicht-chassidischer Juden. Solide Kaufleute kamen für einige Stunden dort hin, um den Talmud zu studieren. In dieser Synagoge sprach man sichtlich zu Gott ohne zu sehr zu wanken. Aber der Schammes (Anmerk. d.Ü.: Diener in der Synagoge) hatte alle Eintretenden im Auge. Jeder kannte seinen Platz in der litauischen Gesellschaft zur Erforschung des Talmuds. An der Nalewkistraße 39 musste man sich um das Recht um ständigen Zutritt bemühen.

Ich begann in die Synagoge zu gehen, wo pro forma mein Vater betete. Sie war von den beiden Brüdern Szmelling gegründet worden, die Eigentümer des Bekleidungsgeschäfts an der Nalewkistraße waren. Einer von ihnen war ein bekannter ritueller Chirurg (Anmerk.d.Ü.: Zur Ausführung ritueller Beschneidungen berechtigter Jude), der andere Ehrenkantor der Synagoge, der am Samstag vor dem Altar stand. Zu Feiertagen stellte man einen besonderen Kantor. In dieser Synagoge beteten Kaufleute, die vor kurzem erst aus der Provinz gekommen waren, die nicht zu den Gorliwen gehörten, aber an Tradition und Glauben hingen.

Es war undenkbar, dass sich irgendwer dieser Umwelt direkt gegenüberstellte. Ein soliden Kaufmann ohne Platz in der Synagoge war nicht vorstellbar.

Vater wies man einen Platz im östlichen Teil der Synagoge zu, und nagelte ein Kupferplättchen mit seinem auf Hebräisch geschriebenen Vor- und Nachnamen an. In einem besonderen, für Frauen bestimmten Teil mietete Vater für Mutter ebenfalls einen Platz.

Der Platz Vaters befand sich in der Nähe der Bundeslade, aus der am Samstag und an Feiertagen die Thorarolle herausgenommen wurde. Vater kam selten in die Synagoge und ich wurde, wenn ich allein war, von den Nachbarn so geschoben, dass ich mich schlussendlich zusammen mit den Jungen aus den frommen Familien in den letzten Reihen wieder fand.

Ich mochte es sehr, die Versteigerungen zu beobachten, die häufig am Samstag oder feiertags vor der Verlesung der Auszüge aus den Torarollen stattfanden. Die Synagoge konnte sich nicht aus den festen Gebühren unterhalten. Die einzige wichtige Einnahme war folglich die Versteigerung. Für die Mithilfe beim Vorlesen der Torarolle zahlte man eine entsprechende Summe. Es gab mehr oder weniger wichtige oder ehrenvolle Abschnitte. Über den Erwerb des Rechts zur Mithilfe entschied die Versteigerung. Über die ersten Abschnitte war der Kampf weniger angespannt, bei wichtigeren wuchs die Anspannung, wodurch die Preise hochgetrieben wurden. Man machte dies häufig, um die Reichen zu zwingen, eine höhere Summe zu zahlen. Alle Anwesenden folgten dem Verlauf der Versteigerung mit Spannung.

Vor dem Neuen Jahr ergriff die Bewohner unseres Hauses Angst. Während eines Monats betete man inbrünstig, damit das neue Jahr sich günstig entwickeln möge. Es folgte eine sittliche Erneuerung. Die Händlerinnen täuschten weder bei Herausgabe des Restgeldes noch beim Wiegen. Man vermied Zankereien und Fluchen. Man begab sich auf den Friedhof, um bei den Verstorbenen ein besseres Jahr zu erflehen. Der Monat elel (Anmerk.d.Ü.: Letzter, zwölfter Monat im Jahr, der auf Ende August und Anfang September fällt) war das Paradies für Bettler. Almosen konnten nämlich die Bedrohlichkeit des Schicksals abschwächen.

Ich hatte kein reines Gewissen, obwohl man behauptete, dass bis zum dreizehnten Lebensjahr die Sünden der Kinder auf die Eltern fallen. Mir schien es hingegen, dass die Kinder die Verantwortung für die Sünden des Vaters tragen.

Das traurigste war der Vorabend des Jüngsten Tages. Es weinte der gesamte Hof. Man sprach die Gebetsworte: „Wer wird ersticken, wer ertrinken, wer stürzt ins Unglück.“ Lang war die Liste des möglichen Unglücks. Meine Mutter versöhnte sich an diesem Tag mit den Nachbarn. Schweigend aßen wir vor dem Fasten ein letztes opulentes Abendmahl. Die Frauen gingen mit verweinten Augen zur Synagoge. Es gab keine Sicherheit, dass die Gebete Gott besänftigen, hatte doch jeder im Gewissen eine Sünde. Das Kołdryn-Gebet verlas der Kantor gewöhnlich in Begleitung weinender Frauen. Die Männer verbargen ihre Tränen.(…)“

Fortsetzung folgt

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

Schreibe einen Kommentar