Palme am Rondo de Gaulle – ein Wahrzeichen Warschaus droht zu verschwinden

Die Palme auf dem Warschauer Rondo de Gaulle Foto: Karolina Kolenska

Wer Warschau zum ersten Mal besucht, für den gehört sie zum Pflichtprogramm. Die meisten Touristen steuern sie aber nicht extra an, denn die künstliche Palme am Rondo (Kreisverkehr) de Gaulle im Stadtzentrum fällt einem ganz von selbst ins Auge. Wenn man vom Hauptbahnhof Richtung der Flaniermeile Nowy Świat (Neue Welt) fährt oder wenn man auf dem Trakt Królewski (Königstrakt) unterwegs ist, ist die 15 Meter hohe Kreation schon von weitem sichtbar.

Was es damit auf sich hat? Die täuschend echt wirkende Palme hält ein Großteil der Öffentlichkeit für einen Witz, es handelt sich aber um eine ernst gemeinte Kunstinstallation. Die Künstlerin Joanna Rajkowska ließ sie 2002 zunächst als temporäres Kunstprojekt aufstellen. Ein Besuch in Israel hatte sie an die Warschauer Siedlung Nowa Jerozolima (Neues Jerusalem) erinnert, zu der seit dem 18. Jahrhundert die Aleje Jerozolimskie führten. Das Werk mit den Namen Pozdrowienia z Alej Jerozolimskich (Grüße aus den Jerusalemer Alleen) soll an den jüdischen Teil der Warschauer Stadtgeschichte erinnern. Die Reaktionen waren zunächst kontrovers, während die einen die Installation für Geldverschwendung hielten, waren andere begeistert. Die Befürworter konnten schließlich bei der Stadtverwaltung erreichen, den Status der Installation von „temporär“ in „ständig“ umzuwandeln, so dass der Verbleib der Palme inmitten des Kreisverkehrs zunächst gesichert schien.

Die Künstlerin blieb formal Eigentümerin der Palme und hatte somit auch für deren Pflege aufzukommen. Da dies mit Kosten verbunden war, trat sie die Eigentumsrechte im Jahr 2007 an die Stadt Warschau ab. Anfang 2007 fand auch eine Generalüberholung statt, im Rahmen derer die Palme u. a. neue Blätter erhielt.

Lange blieb es ruhig um die ungewöhnliche Kunstinstallation, die Warschauer gewöhnten sich immer mehr daran und sie wurde zu einem beliebten Treffpunkt: Man verabredet sich z. B. pod palmą (unter der Palme). Doch im Januar 2014 wurden Pläne der Stadt bekannt, den Kreisverkehr in eine normale Kreuzung umzuwandeln. Was dann mit der Palme passieren soll, lässt der Plan offen und hat damit die Fans der Installation, allen voran das Muzeum Sztuki Nowoczesniej (Museum für moderne Kunst), das sich in den letzten Jahren als Anwalt der Palme profiliert hat, in Alarmbereitschaft versetzt. Obwohl mit der Renovierung erst in einigen Jahren zu rechnen ist, fordert das Museum, dass die Pläne von Anfang an auch eine Lösung für die Palme vorsehen.

Joanna Rajkowska selbst hat sich in einem offenen Brief zu Wort gemeldet. Ihrer Meinung nach ergibt die Palme allein an ihrem Standort in der Mitte des Kreisverkehrs Sinn, denn dieser Ort symbolisiere die Identität Warschaus schon dadurch, dass sich hier zwei berühmte Straßen kreuzen: die Aleje Jerozolimskie mit ihrem prächtigen und großstädtischen Panorama und die Nowy Świat, die ein wenig östlichen Charakter hat. Ohne sie wäre die Palme ohne Bedeutung.

Bei Facebook hat sich eine Unterstützer-Gruppe gebildet, die Zukunft der Palme bleibt offen.

Jutta verbrachte zwei Semester ihres Politikstudiums in Warschau. Vier Jahre lang koordinierte sie außerdem im Museum des Warschauer Aufstands internationale Begegnungsprojekte. Dabei schaute sie den Kollegen im Stefan Starzynski Institut über die Schulter, die kulturelle Projekte rund um die dynamische Entwicklung Warschaus organisieren, um den Warschauern zu zeigen, in was für einer interessanten Stadt sie leben. Kein Wunder also, dass sie Warschau für die spannendste europäische Metropole hält! Nach einem weiteren kommunikationswissenschaftlichen Studium ist sie nun im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. Für Polen.pl schreibt sie seit 2012, natürlich am liebsten über die polnische Hauptstadt, außerdem über Erinnerungskultur in Deutschland und Polen und die Herausforderungen, die sich daraus ergeben. Mit Anna zusammen erstellt sie den Kalender „Co się dzieje“.

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