Alter Markt in Poznań 2014, (c) Polenpl.eu

Posen – Der unbekannte Wirtschaftsriese an der Warthe

Poznan City Center 2014 (c) Polenpl.eu

(Bottmingen, HF) Die Stadt Poznań (Posen) liegt näher als man denkt! In östlicher Richtung ist sie so weit von Berlin gelegen, wie sich Hannover westlich der deutschen Hauptstadt befindet. In gut zwei Stunden erreicht man den Hauptort der Wojewodschaft Wielkopolskie (Großpolen) und trifft an der Warta (Warthe) mit gut einer halben Million Einwohner auf die fünftgrößte Stadt Polens. Sich selbst sieht Posen als das westliche Einfallstor nach Polen; denn es liegt auf halben Wege zwischen der deutschen und der polnischen Hauptstadt. Posen befindet sich aber auch im Schnittpunkt der Strecken von Berlin nach Moskau und derjenigen von Danzig nach Prag und besitzt somit eine strategisch günstige Lage. Wer aber kennt die Stadt genauer oder hat sie wenigstens besucht?

Vielseitiger Charakter einer erfolgreichen Stadt

Der Ballungsraum Posens ist mit 880.000 Einwohnern einer der wichtigsten Wirtschaftsmotoren Polens: er verzeichnet neben Warschau und Schlesien das stärkste Wirtschaftswachstum und besitzt gleichzeitig die geringste Arbeitslosigkeit. Im Dezember 2013 betrug diese 4,1 Prozent. Bedingungen, von denen Teile Deutschlands nur träumen können. Gleichzeitig ist die Stadt auch Industrie- (z.B. Volkswagen), Kongress- und Messezentrum, Universitätsstadt mit sieben großen Hochschulen und 140.000 Studenten sowie kultureller Mittelpunkt Westpolens. Und Poznań ist schön! Der Kern besteht aus einer Altstadt des 16. Jahrhunderts mit bemerkenswerten 26 Museen.

Städtebaulicher Wandel

Poznan MMCenter 2014, (c) Polenpl.eu

Wie bei vielen größeren polnischen Städten ist man in Posen nach längerer Abwesenheit über den städtebaulichen Wandel erstaunt. In den letzten Jahren entstanden u.a. ein neuer imposanter Umsteigeort mit Hauptbahnhof, Busterminal und Einkaufsmall (Poznań City Center), ein neuer Flughafenterminal (Poznań-Ławica), das Einkaufszentrum Stary Browar (Alte Brauerei) mit über hundert Geschäften auf der Fläche von 12 Fußballfeldern als Projekt der Revitalisierung der Posener Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts, Geschäftshochhäuser (mit allerdings fast 17 Prozent nicht vermieteter Fläche Ende 2013), Verwaltungsgebäude, Straßen (Ost- und Westumfahrung Posens), Warthebrücken, ein neuer Universitätscampus der Adam-Mickiewicz-Universität sowie Museumsbauten.

Alter Markt in Poznań 2014, (c) Polenpl.eu

Seit 1945 hat sich der verstädterte Raum im Umland von Poznań verdreieinhalbfacht, wer es sich leisten kann, zieht aus der Stadt Poznań ins Umland. Das Saldo zwischen den täglich in die Stadt zur Arbeit pendeln und jenen, die herauspendeln beträgt 2006 rund 47.000 Personen. Dies bedeutet aber leider auch, dass der Verkehr sehr auf das Auto orientiert ist; der öffentliche Personennahverkehr hat mit der rasanten Entwicklung (noch) nicht mithalten können, obwohl auch in neue Trassen und in moderne neue Straßenbahnzüge investiert wurde.

Nachteile der dynamischen Entwicklung

Obwohl in Poznań die Kaufkraft der Bevölkerung vergleichsweise hoch sein dürfte, spiegelt sich das, von der Ausnahme der auf den Alten Markt zulaufenden kurzen Paderewski-Straße einmal abgesehen, leider nicht in den Geschäftsauslagen in der engeren Innenstadt, vor allem nicht am Alten Markt. Dies dürfte wohl an den am Rande der Altstadt gelegenen großen neuen Malls und Einkaufszentren liegen. Sie saugen die Kaufkraft mit ihrem immer gleichen Geschäftemix und den in allen großen polnischen Städten vertretenen (teuren) Marken ab.

Die aus der Sammlung Raczyński Die aus der Sammlung Raczyński hervorgegangene Abteilung des Nationalmuseums, 2014 (c) H. Fehlberg

Um den Alten Markt herum dominieren so die Holzpodeste und Sonnenschirme der großen Bierbrauereien, was zwar den müden Stadtwanderer erfreut, doch obwohl das Stadtbild des historischen Zentrums sehr schön ist, ähnelt der Eindruck durch diese Unsitte leider den ebenfalls verbauten Marktplätzen in Krakau, Toruń (Thorn), Lublin und Warschau. Es bleibt zu hoffen, dass eine Stadtbildpflege bei entsprechendem politischem Willen hier mittelfristig eine Lösung vorschlägt.

Wirtschaftliches Muskelpaket Posen

Wie der Bericht des European Metropolitan network Institute zeigt, trug die Stadt an der Warthe 2010 rund drei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) Polens bei, obwohl es nur einen Anteil von 1.45 Prozent an der Bevölkerung besitzt. Damit war Posen doppelt so produktiv wie der Durchschnitt Polens. Auch die Arbeitslosigkeit ist rekordverdächtig gering.

Stary Browar Poznań 2014 (c) Polenpl.eu

Dies hat neben den gut ausgebildeten und motivierten Einwohnern Posens mindestens noch einen weiteren Grund: Wie die Stadt Poznań auf ihrer Webseite berichtet, betrug in den Jahren 1990 bis 2010 der Gesamtwert der direkten ausländischen Investitionen in Posen rund 4,8 Mrd. Euro. Eine Summe von über 730.000 Euro investierten in der Großpolnischen Hauptstadt über 140 Firmen, die aus über 27 Ländern stammten. Die wichtigsten Investoren kommen aus Deutschland (über ein Drittel der Investitionen), Frankreich, Großbritannien, den USA sowie aus Japan. Aber auch die Europäische Union hat Posen unterstützt: seit 2004 wurden rund 370 Mio. Euro aus ihrem Fonds in das Verkehrs- und Abwassersystem, in die wissenschaftliche Grundlagenforschung und in den Ausbildungsbereich investiert.

Posen besitzt so eine ausgeglichene Wirtschaft, die vom Handel, Finanzdienstleistungen, Bildung und dem Immobilienmarkt bestimmt wird. Dazu kommen die in den letzten Jahren entwickelten Sektoren der Automobilindustrie (Volkswagen), Möbel, Telekommunikation und Logistik. Die für eine wirtschaftliche Entwicklung wichtigsten Faktoren, wie das wissenschaftliche und das Forschungspotential, Institutionen zur Unterstützung der Unternehmen, ausländisches Kapital und Unternehmertum sind in der Wojewodschaft alle in Posen konzentriert.

Projekt zur wissensbasierten Wirtschaftsentwicklung gefährdet?

Tram in Poznań 2014, (c) Polenpl.eu

Posen setzt auf eine wissensbasierte Wirtschaftsentwicklung. Mit dem Projekt “Großpolnisches Zentrum für Spitzentechnologien” (Wielkopolskie Centrum Zaawansowanych Technologii, WCZT) soll ein multidisziplinäres Zentrum in Posen errichtet werden. In den der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft ähnlichen Zentren für anwendungsorientierte Forschung sollen sich die besten Spezialisten der exakten Wissenschaften, der Naturwissenschaften und der Ingenieurwissenschaften versammeln. Das Zentrum soll sich auf vielseitig verwendbare neue Werkstoffe und Biomaterialien konzentrieren. So wird es aus Einrichtungen für die Werkstoffforschung, Zentren für biomedizinische und chemische Technologie sowie für Nanotechnologie und für die industrielle Biotechnologie bestehen. Die Investition in die Infrastruktur wird zu 85 Prozent durch den Europäischen Regionalentwicklungsfonds finanziert.

Obwohl die Eröffnung der Gebäude kurz bevorsteht, ist noch immer nicht klar, wer den laufenden Betrieb der Zentren bezahlen soll. Die Forscher hoffen auf den polnischen Staat. Es bleibt zu hoffen, dass es rechtzeitig zu einer Lösung kommt, sonst ist dieses zukunftsweisende Projekt gefährdet.

Zukunft Messestadt Posen

Ein weiteres Entwicklungsgebiet der Stadt ist das Messe- und Ausstellungswesen. Poznań ist die bedeutendste polnische Messestadt: fast die Hälfte aller inländischen Messen und Ausstellungen Polens finden hier statt. Das Messegelände ist mit 14 ha das größte in Polen; es gibt 11 ha Ausstellungshallen und 3,5 ha Ausstellungsfläche im Außenbereich. Den Vergleich mit Berlin muss Posen nicht scheuen: das große Berliner Messegelände am Funkturm besitzt 16 ha in Hallen.

Posen möchte ein europäisches Zentrum für Handel, Ausstellungen und Konferenzen werden. Dazu muss die Stadt aber weiter in die Kongressinfrastruktur investieren und das entsprechende weltweite Netzwerk noch enger knüpfen.

Gute Zukunftsaussichten für Posen

Die Ausgangslage für eine auch in Zukunft erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung ist gut. Nicht umsonst gelten die Posener in Polen als die „Polnischen Preußen“. Nun kommt es darauf an, mit dem Pfunde richtig zu wuchern und sich bietende Chancen auch tatsächlich zu ergreifen. Die Nähe zu Berlin kann einerseits geschickt als Vorteil genutzt werden, andererseits kann sie für die weitere Entwicklung Posens auch ein Hindernis sein. Bereits heute ist ein Flug ab Schönefeld schneller zu erreichen als einer ab Warschau. Fahren wir nach Posen und beobachten wir diese spannende Entwicklung aus der Nähe.

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

2 Kommentare

  • hauke

    15. November 2017 bei 21:39

    Das ist ein hochinteressanter Artikel. Mir geht es ähnlich. Ich lebe direkt an der Neisse und bin sehr sehr oft in „Polska“.
    Ich bin im med. Bereich tätig und verfolge Polen seit 4 Jahren und bin sehr oft dort. Das Erlernen ist selbst mit einer „poln. Deutschlehrerin“, also Muttersprachlerin nicht einfach.
    Ich plane eine Schule für Polinnen aufzubauen zur Ausbildung als Altenpflegerin. Vielleicht können wir uns mal erfahrungstechnisch mal austauschen?
    Serdecznie Witamy Hagen

    Hagen M.
    mahlotube@yahoo.de
    80.54.156.34

    Antworten

Schreibe einen Kommentar