Highlight des Museums: Das Dach der hölzernen Synagoge aus Gwoźdiez, Foto: Polen.pl (HF)

Rundgang durch das Museum zur Geschichte der Polnischen Juden

Highlight des Museums: Das Dach der hölzernen Synagoge aus Gwoźdiez, Foto: Polen.pl (HF)

 

(Warschau/Bottmingen, HF) Seit eineinhalb Jahren besitzt Warschau mit der ständigen Ausstellung im Museum POLIN eine neue Sehenswürdigkeit. Das Museum liegt im Stadtteil Muranów, wo sich Jahrhunderte lang jüdisches Leben abspielte, bis die deutschen Besatzer 1944 ein Ghetto einrichteten und die Bewohner ermordeten. Das Museum stellt erstmals die über tausendjährige Geschichte der Juden in Polen mit ihrem Kulturbeitrag zusammenhängend dar.

Das Museum als Geschichtenerzählerin

Erste Begegnungen zwischen Judentum und Christenheit in Polen, Foto: Polen.pl (HF)

Die Ausstellung ist weniger eine Präsentation von historischen Gegenständen, als eine bilder- und textreiche bunte und beeindruckende Geschichtserzählung. Das zeigt sich schon daran, dass nur rund hundertsechzig originale Ausstellungsstücke gezeigt werden. Dafür treten die Besucher einen beeindruckenden und berührenden Gang durch die Geschichte an. Es erzählen vor allem Zeitzeugen die Geschehnisse mit ihren Dokumenten – ein Kunstgriff, der Interpretationen aus späterer Perspektive im Rahmen hält.

Wie mit einer Zeitmaschine werden wir als Besuchende in eine mittelalterliche Schreibstube, auf einen barocken Marktplatz, in eine Synagoge oder in einen Thronsaal geschleudert. Besonders beeindruckend ist der Nachbau einer begehbaren Straße, die innerhalb des Gebäudes dem Originalverlauf der ul. Zamenhofa folgt und in deren Häusern das kulturelle und politische Leben der Zwischenkriegszeit erlebt werden kann.

Das Städtemodell von Krakau und Kazimierz, Foto: Polen.pl (HF)

Ein Museum des Lebens

Die Ausstellungskonzeption (Polen.pl berichtete) wurde über acht Jahre von Dutzenden Wissenschaftlern gemeinsam erarbeitet. Das Museumsgebäude konnte dann passend dazu entworfen werden. Nicht immer waren die Diskussionen konfliktlos. Besonders bei der Darstellung der Zwischenkriegszeit gingen die Meinungen der Experten auseinander.

Das Museum besitzt auch politische Standpunkte. Dies zeigt sich u.a. in der Sprachenpolitik. Obwohl nach den amerikanischen Besuchern deutschsprechende die zweitgrößte Gruppe darstellen, wurde auf eine deutschsprachige Übersetzung in der Ausstellung und des Katalogs verzichtet. Die Audioguides in deutscher Sprache wurden erst durch eine gezielte Spende möglich. Die gesprochenen Texte sind auf Polnisch, die an Wänden und auf Tafeln sind auf Hebräisch, Polnisch und Englisch geschrieben.

Nach Absicht der Kuratoren soll das POLIN ein Museum des Lebens sein und nicht nur zur Vergangenheit Brücken schlagen, sondern auch zwischen heutigen Polen und Juden sowie zwischen Juden und dem jüdischen Erbe.

Karte der jüdischen Siedlungen in Polen, Foto: Polen.pl (HF)

Anfang April 2016 erhielt die Einrichtung vom Europäischen Museumsforum unter der Schirmherrschaft des Europarats die Auszeichnung „Europäisches Museum des Jahres“. In seiner Begründung führte das Forum aus, dass „die lange gemeinsame Geschichte des jüdischen Volkes und anderer Völker dieser Weltregion eine der ständig durch Konflikte sowie Kooperation, Integration und Assimilation neu verhandelten Koexistenz ist. Für ein sehr großes und verschiedenartiges Publikum dient das POLIN nun als integrierender Ort, um die ewig bedeutungsvolle Frage zu stellen und zu untersuchen, wie eine zuweilen schwierige Koexistenz sich plötzlich mit einem absoluten Bruch in die Auslöschung beinahe der gesamten Bevölkerung und der Zerstörung einer Kultur verwandeln kann“.

In die Geschichte abtauchen – Eine Reise mit der Zeitmaschine

Eine Thorarolle, Foto: Polen.pl (HF)

Der Riss in der Geschichte zeichnet sich schon in der Architektur des Gebäudes ab, obwohl die Spalte, die quer den Bau durchläuft, zumeist als das von Moses geteilte Rote Meer interpretiert wird. Eine breite Treppe führt tief hinunter in die erste von acht Galerien, die wie Kapitel in einem Buch die Erzählung gliedern. Von Vogelgezwitscher empfangen leuchtet den Besuchern ein grüner Wald im Nebel entgegen. Hier wird die Legende erzählt, den Juden sei auf Hebräisch mit dem Wort POLIN geheißen worden, hier auszuruhen, sich hier niederzulassen. Zudem ist „Polin“ auch das hebräische und jiddische Wort für Polen.

Der Weg der Juden nach Europa und die ersten Begegnungen zwischen dem Judentum und dem Christentum lassen sich auf einer großen, im Stil des Mittelalters gezeichneten Karte nachvollziehen. Anhand des ältesten Ausstellungsstücks, einer Münze aus dem 13. Jahrhundert mit hebräischer Aufschrift, wird gezeigt, dass Juden beim Aufbau des polnischen Münzwesens beteiligt waren.

Die Teilung Polens, Foto: Polen.pl (HF)

Die Wanderung durch die Zeit führt uns nach Krakau und Kazimierz, dem Zentrum der einflussreichsten jüdischen Gemeinschaft innerhalb der Polnisch-Litauischen Union. An einem beeindruckend großen multimedialen Städtemodell und mit einem Panoramafilm wird das „Paradisus Iudeaorum“, das „Paradies der Juden“, präsentiert. Mittels Touchscreens kann der Besucher einzelne Teile der Stadt durchstreifen und die sechs auch heute noch bestehenden Synagogen besuchen.

Die nächste Landung der Zeitmaschine erfolgt in den jüdischen Städtchen des 17. und 18. Jahrhunderts. Sie werden wegen des pejorativen Beigeschmacks bewusst nicht „Schtetl“ genannt. Hier gelangen die Besucher zum Highlight der Ausstellung: zur im Maßstab 1:80 nach alten Aufnahmen in Holz rekonstruierten und prächtig bemalten Synagogendecke von Gwoźdiez. Eine Synagoge war jeweils das Zentrum des jüdischen Gemeindelebens; über 150 solcher hölzernen Synagogen hat es einst gegeben. Keine hat bis in unsere Zeit überdauert.

Die jüdische Straße, Foto: Polen.pl (HF)

Anschließend begegnen wir im 19. Jahrhundert der Moderne. Es ist das Zeitalter der Teilungen Polens und des Verlusts der polnischen Staatlichkeit. Auf den leeren Thron des polnischen Königs blicken die drei Herrschenden der Teilungsmächte Preußen, Russland und Österreich aus ihren massiven Portraitgemälden hinab. Vom verschwundenen König ist nur noch ein Schatten an der Wand zu sehen. Die Rolle der Juden verändert sich; sie werden aus ihrer Gruppenrolle herausgeführt und werden zu individuellen Untertanen der drei absoluten Monarchen. Verschiedene Karten erläutern die geopolitische Realität, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs anhält.

Jüdische Tageszeitungen und Zeitschriften der Zwischenkriegszeit, Foto: Polen.pl (HF)

Den nächsten Schritt machen wir auf dem Kopfsteinpflaster einer jüdischen Straße im Warschau der Zwischenkriegszeit. Trotz wirtschaftlicher Not in der Zweiten Republik floriert das kulturelle und politische jüdische Leben. Die über 100 Zeitungs- und Zeitschriftentitel, die damals in Jiddisch, Hebräisch und auf Polnisch erscheinen, sind eindrucksvoll in einem Kiosk ausgestellt. In verschiedenen Häusern werden politische und kulturelle Entwicklungen dargestellt.

Orte des Holocaust, Foto: Polen.pl (HF)

Die nun folgende Etappe der Zeitreise führt in die erschütternde Epoche des Holocaust. Das Warschauer Ghetto war das größte, aber auf einer Wand sind auch die rund 600 anderen Ghettos im von den Deutschen besetzten Polen aufgeführt. Die Tagebücher von Adam Cerniaków und von Emanuel Ringelblum führen durch die Zeit dieses Ghettos. Die bekannten Bilder des Albums von SS-Gruppenführer Stroop zur Zerstörung des Ghettos werden mit Bedacht nur im kleinen Originalformat an einer verdeckten Stelle präsentiert, um ihrer propagandistischen Absicht zu begegnen. Ein mit Stahlblechen ausgeschlagener Raum erläutert mit Grundrissen und Fotografien die schreckliche Tötungsmaschinerie der Vernichtungslager. Von erhöhter Stelle können die Besucher – wie damals die Bewohner des Ghettos von der Chłodna-Strassenbrücke – einen Blick auf das unerreichbare „arische Warschau“ werfen.

Propaganda gegen Juden in der Volksrepublik Polen, Foto: Polen.pl (HF)

Das Denkmal für die Helden des Ghettos steht am Anfang einer Foto- und Filmdokumentation der Ereignisse in der Zeit nach 1944. Nach einem ersten kreisrunden, heute neben dem Museum noch bestehenden Denkmal für die Ghettokämpfer wird etwas später das große Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstandes im bis auf die Grundmauern zersprengten Muranów errichtet. Dieses steht heute gegenüber dem Museumseingang. Die Jahre des Wiederaufbaus werden in dieser Galerie ebenso behandelt wie die der politischen Indoktrination und der verschiedenen erzwungenen jüdischen Auswanderungen.

Solidarność und jüdische Aktivisten, Foto: Polen.pl (HF)

In Videointerviews äußern sich heute in Polen lebende Juden zu sechs Fragen: Gibt es in Polen einen Antisemitismus? Was bedeutet dir Israel? Was macht die jüdische Kultur aus und für wen ist sie? Gibt es für Juden eine Zukunft in Polen? Wusstest du immer schon, dass du ein Jude bist? Was bedeutet es, ein Jude in Polen zu sein? Diese letzte Galerie befindet sich in demselben Raum wie der Beginn der Ausstellung. Der Kreis schließt sich.

Das Museum bietet auf seiner Homepage eine virtuelle Führung an.

Museum der Geschichte der Polnischen Juden (Muzeum historii żydów polskich)
ul. Mordechaja Anielewicza 6
00-157 Warszawa

Öffnungszeiten:
Montag, Dienstag und Freitag von 10 bis 18 Uhr, letzter Einlass für die ständige Ausstellung: 16 Uhr
Donnerstags ist der Eintritt zu allen Ausstellungen frei
Mittwoch, Samstag und Sonntag von 10 bis 20 Uhr, letzter Einlass für die ständige Ausstellung: 18 Uhr
Dienstags ist das Museum geschlossen

Das Museum ist ebenfalls geschlossen am: 24., 25. und 31.12.2017

 

Das Land an der Weichsel hat das Interesse des in der Schweiz lebenden Agraringenieurs und Eisenbahnplaners vor über zehn Jahren geweckt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen. In Berlin aufgewachsen, fand er es unpassend, sich in Afrika und im Nahen Osten besser auszukennen, als in seinem Nachbarland. Nachdem sich die Polnische Sprache vehement gegen das Lernen lassen gesträubt hat, hat er diese Herausforderung angenommen und ringt noch immer mit ihr. Er reist jährlich nach Polen und entdeckt ein spannendes und kulturell reiches Land mit sehr angenehmen Menschen. Wenn er Zeit findet, befasst er sich als Genealoge mit der Erforschung der Geschichte seiner aus dem damaligen Hinterpommern und Ostpreussen stammenden Vorfahren.

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