Symbolbild Kommunikation

Wenn aus einer Mücke eine Heugabel wird …

Redewendung, Sprichwort, Zitat, geflügeltes Wort – alles Synonyme? Nicht ganz. Als Redewendung, Phraseologismus, Idiom oder idiomatische Wendung bezeichnen wir feste Wortverbindungen, die Satzteile bilden und deren Gesamtbedeutung nicht der der einzelnen Wörter entspricht. Es handelt sich um ein rhetorisches Mittel, mit dem wir unsere Botschaft bildhaft übermitteln möchten. Sprichwörter sind stets vollständige, lehrhafte Sätze, deren Autor unbekannt ist. Als Zitate und geflügelte Wörter bezeichnen wir Sprichwörter mit nachweisbarer Herkunft. So viel zu den Begrifflichkeiten.

Solche Ausdrücke gibt es in allen Sprachen. Auch das Deutsche und Polnische haben ihre eigene phraseologische Kultur. Erstaunlich viele Wendungen lassen sich nahezu wortwörtlich vom Deutschen ins Polnische übertragen. Einige Beispiele:
„Alle Wege führen nach Rom.“ – „Wszystkie drogi prowadzą do Rzymu.“;
„Alte Liebe rostet nicht.“ – „Stara miłość nie rdzewieje.“;
„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ – „Darowanemu koniowi nie zagląda się w zęby.“;
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt.“ – „Nie wszystko złoto, co się świeci.“

Vor allem Wendungen biblischer Herkunft sind in vielen Sprachen gleich:
„Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – „Oko za oko, ząb za ząb“;
„Hochmut kommt vor dem Fall.“ – „Pycha chodzi przed upadkiem.“;
„das Land, wo Milch und Honig fließt“  – „kraj mlekiem i miodem płynący“

Eine Schwalbe macht noch keinen Frühling

Das macht es Polnischlernenden, aber auch Übersetzern und Dolmetschern, leicht. Aber: „Nie ma reguły bez wyjątku“ oder wie wir auf Deutsch sagen würden: „Ausnahmen bestätigen die Regel“.

Fällt im Deutschen der Apfel beispielsweise nicht weit vom Stamm, fällt er im Polnisch genau genommen nicht weit vom Apfelbaum („Niedaleko pada jabłko od jabłoni“). Auch wenn zu viele Personen unerfolgreich am selben Projekt arbeiten, ist das polnische Sprichwort präziser: Im Deutschen sprechen wir lediglich von zu vielen Köchen, die den Brei verderben, doch der Pole weiß, dass die magische Zahl 6 lautet: „Gdzie kucharek sześć, tam nie ma co jeść“ („Wo sechs Köchinnen zugange sind, gibt es nichts zu essen“).

In einer Fabel des griechischen Gelehrten Äsop verkaufte ein Mann seinen Mantel, weil er nach Erblicken einer einzelnen Schwalbe davon ausgeht, dass der Winter vorbei ist. Bis zum endgültigen Ablegen des Wintermantels müssen die Deutschen wohl bis zum Sommer warten („Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“), während die Polen bereits seit Frühlingsanfang nicht mehr frieren („Jedna jaskółka wiosny nie czyni“).

Im Deutschen hat die Morgenstund‘ Gold im Mund und der frühe Vogel fängt den Wurm, doch der polnische Frühaufsteher erhält für seine Leistung gar ein Gottesgeschenk („Kto rano wstaje, temu Pan Bóg daje“).

Und wenn ein Deutschsprachiger einer Kleinigkeit mehr Bedeutung beimisst als ihr eigentlich zukommt, macht er aus einer Mücke einen Elefanten – ein Pole aber aus einer Stecknadel eine Heugabel („robić z igły widły“).

Typisch polnisch

Besonders lohnenswert ist es, auf Redewendungen zu blicken, die polnische Kulturspezifika aufweisen.

Kisiel

Kisiel

Kisiel kennt man in Deutschland als Obst-Kaltschale, auch wenn diese fruchtig-saure Süßspeise in Polen deutlich beliebter ist. Wenn jemand in Polen mit einer Person über mehrere Ecken verwandt ist, dann ist das „das zehnte Wasser nach der Kaltschale“ („dziesiąta woda po kisielu“). Man hat sich das Bild wie folgt vorzustellen: Nachdem in einer Schüssel die Kaltschale zubereitet und verspeist wurde, wurde das Behältnis zehn Mal mit klarem Wasser gespült. Dann handelt es sich um das zehnte Wasser nach der Kaltschale. So sehen Polen also ihre entfernten Verwandten.

Ebenso gilt Mohn als typisch polnisch und findet sowohl in Backwaren als auch Süßspeisen Verwendung. Während es in Deutschland mucksmäuschenstill ist oder Totenstille herrscht, ist es in Polen so ruhig wie nach der Mohn-Aussaat („było cicho jak makiem zasiał“). Diese Redewendung stammt übrigens aus Adam Mickiewiczs Drama „Dziady“.

Die sprachliche Gegenüberstellung und Übersetzung von Phraseologismen füllt ganze Bücher und auch ich könnte diesen Beitrag bis ins Unendliche mit interessanten Aspekten der deutschen und polnischen Rhetorik füllen, doch das wäre zu viel des Guten – so wie es zwei Pilze in der Rote-Bete-Suppe sind („dwa grzyby w barszcz“).

Thomas ist studierter Übersetzer und Dolmetscher für Deutsch, Spanisch und Polnisch. Seine Familie stammt aus Opole/Polen, er selbst ist in Wiesbaden geboren. Er ist dreisprachig – Deutsch, Schlesisch, Polnisch – groß geworden und hat bereits früh seine Affinität für Sprachen und Kulturen entdeckt. Sein Studium absolvierte er in Germersheim und nun wohnt er in Neustadt an der Weinstraße. Außerdem kocht (und isst) er leidenschaftlich gerne.

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