Prof. Dr. Bingen vom DPI im Gespräch

Prof. Dr. Bingen vom DPI im Gespräch zum Polendenkmal

Zeit für eine Wende in der deutschen Erinnerungskultur: Ein Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945

Wer in den vergangenen Wochen die Tagesmedien in Deutschland aufmerksam verfolgt hat, bekam mit, wie das geplante Denkmal für die polnischen Opfer der deutschen Besatzung 1939-1945 zu Diskussionen führte. Polen.pl sprach im Rahmen der diesjährigen Redaktionskonferenz im Deutschen Polen-Institut in Darmstadt mit dessen Direktor Prof. Dr. Dieter Bingen über das geplante Denkmal.

 

Die Transformation der gesellschaftlichen Voraussetzungen

Die Verdichtung gesellschaftlicher Diskussionen zwischen Polen und Deutschland in den vergangenen Jahren eröffnet die Möglichkeit, nun eine neue Perspektive in die deutsche Erinnerungskultur einfließen zu lassen, so Dieter Bingen. Mit dem Verschwinden der Erlebnisgeneration geht der Verlust des historischen Wissens innerhalb des kommunikativen Gedächtnisses einer Gesellschaft einher. Dieses Gedächtnis umfasst einen Zeitraum von ca. 70 Jahren und beinhaltet dabei nach der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann die Träger*innen einer Generation, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen weitergeben und diese damit in einer Gesellschaft zirkulieren lassen. Tritt eine Generation vollständig ab, verschwindet auch das in ihr existierende Wissen. Dieses muss in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft einfließen, um dauerhaft erhalten zu bleiben und nicht in Vergessenheit zu geraten. Die nun bevorstehende erinnerungskulturelle Wende wird 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer deutlicher. Die in Deutschland entstehende Leerstelle soll mit einem Denkmal gefüllt werden. Genau hier setzt die ursprünglich von Florian Mausbach ins Leben gerufene Initiative an.

 

Deutschlands Umgang mit der Besatzungszeit und dem Holocaust

Die Idee hinter dem Denkmal beinhaltet ein symbolisches Zeichen, welches in Zeiten eines angespannten politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Polen eine Signalwirkung hätte. Es spricht auch indirekt an, dass es in Deutschland zu wenig Wissen über die deutsche Besatzungszeit in Polen und zu den Opfern in der polnischen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg gibt. Im deutschen kollektiven Gedächtnis findet eine Auseinandersetzung mit dem Holocaust statt, die sich richtigerweise mit der deutschen Vernichtungspolitik beschäftigt, zugleich aber die nichtjüdischen Polen als Opfer dieses am 1. September 1939 beginnenden Krieges ausklammert. Obwohl eine Symbolisierung der Konzentrationslager über Ausschwitz auf polnischem Boden stattfindet, wird das Leid der polnischen Bevölkerung unter dem Begriff Holocaust subsummiert. Dazu kommt, dass nicht nur die versuchte Vernichtung oder Erniedrigung der polnischen Bevölkerung auf physischer und psychischer Ebene bis heute im kollektiven Gedächtnis Deutschlands marginalisiert wird, sondern dass man den Diskurs über den Holocaust nach Polen auslagert. Dass die polnische Gesellschaft – im Unterschied zur deutschen – nach wie vor einen Umgang damit finden muss, zeigen die politischen Diskussionen in Polen vor allem im Zusammenhang mit der von Unkenntnis zeugenden Benennung der nationalsozialistischen Konzentrationslager als „polnische“ zu Beginn des Jahres 2018 eindrücklich.

 

Denkmalpolitik als Symbolpolitik

Das neue Denkmal würde von deutscher Seite aus eine Anerkennung des polnischen Leids unabhängig von der Ethnizität oder Religion bedeuten, wo in der Zeit ab 1939 nicht nur die Menschen, sondern die gesamte materielle und immaterielle Kulturlandschaft zerstört werden sollte. Die divergierenden Geschichtsnarrative beider Länder machen Überlegungen eines deutsch-polnischen Museums derzeit noch unmöglich. Aber das Denkmal wäre ein Anstoß, über diesen Teil der Geschichte nachzudenken.

Neben einer nach außen gerichteten Wirkung an den polnischen Staat und der Vermittlung des Gefühls, sich ernsthaft mit dem Leid nicht nur der jüdischen, sondern auch der polnischen Zivilbevölkerung ab 1939 auseinandersetzen zu wollen, geht es auch um eine Signalwirkung nach innen. Es ist als ein Appell an die Deutschen zu verstehen, Aufklärung zu leisten und die deutschen Verbrechen an Polen ab 1939 bewusst in den Blick zu nehmen. Zugleich wird damit Kritik an der bestehenden deutschen Erinnerungskultur geübt.

Dass das gesellschaftliche Klima günstig für eine öffentliche Auseinandersetzungen mit der eigenen Geschichte zu sein scheint, zeigen Debatten wie die Anerkennung der deutschen Verbrechen an den Herero in Namibia und die Umbenennung von früheren Museen wie das nun in Hamburg umbenannte Museum für Völkerkunde in Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt.

 

Ein Denkmal als universeller Erinnerungsort

Dieter Bingen hielt aber in der Diskussion mit Polen.pl auch fest, dass das Denkmal eine vermeintliche Deutungshoheit einzelner Akteur*innen oder gesellschaftlicher Gruppen nicht unterstützen soll – weder in Polen noch in Deutschland. Es richtet sich sowohl an Einzelpersonen als auch an gesellschaftliche Gruppen, die dieses Denkmal für die eigene Erinnerung und Identitätsarbeit nutzen wollen.

Damit steht es vielfältigen Aneignungen offen und soll als ein Erinnerungsort die Geschichte wachhalten. So soll das Denkmal auch einen Beitrag zu einem kollektiven Gedächtnis in der deutschen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit leisten. Nicht zuletzt ist der geplante Aufstellungsort symbolträchtig und auf die Sichtbarkeit im öffentlichen Raum ausgelegt.

Direkt gegenüber der Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung und neben dem Anhalter Bahnhof im Zentrum Berlins gelegen, hätte es gegenüber unseren polnischen Nachbarn auf der symbolischen Ebene eine wichtige Signalwirkung und würde polnischen Kritikern an Deutschland den Wind aus den Segeln nehmen.

Der geografische Ort ist damit gut gewählt, um die Ziele des Denkmals zu verdeutlichen. Nicht zuletzt würde das 80-jährige Gedenken an den deutschen Überfall am 1. September 2019 damit an erinnerungskultureller Bedeutung gewinnen, wenn die Denkmalinitiative im Laufe des nächsten Jahres vom Bundestag angenommen würde.

Alle Informationen rund um die Initiative finden Sie auf www.polendenkmal.de.

Katharina studierte in Kiel und Valencia Europäische Ethnologie, Klassische Archäologie und Volkswirtschaftslehre. Am Ende ihres Studiums fing sie an, sich für Polen zu interessieren und Polnisch zu lernen. Nach dem Studium nahm sie für einige Monate eine Stelle an der Universität Posen an und verliebte sich endgültig in das Land. Sie schrieb sogar ihre Dissertation über die deutsche Minderheit in Polen und darf daher immer wieder nach Polen zurückkehren. Somit ist sie mit Polen mittlerweile fest verbunden und möchte diese Leidenschaft mit anderen teilen.

Schreibe einen Kommentar